Occupy Ackerland

Polens Bauern sagen der Fracking-Industrie den Kampf an. Im Südosten des Landes blockieren sie unter der Devise „Occupy Chevron“ Probebohrungen des US-Energieriesen. Einige der Blockierer reisen nach Warschau. Ihre Proteste begleiten den Besuch von Umweltminister Peter Altmaier.

Anti-Fracking-Demo in Warschau: "Nein zum Schiefergas" und "Gas lässt sich nicht trinken", steht auf den Plakaten der selbst ernannten Occupy-Bewegung. (Foto: Krökel

Anti-Fracking-Demo in Warschau: „Nein zum Schiefergas“ und „Gas lässt sich nicht trinken“, steht auf den Plakaten der selbst ernannten Occupy-Bewegung. (Foto: Krökel)

Die Umweltminister ziehen sich vorsorglich hinter einen Wassergraben zurück. Gastgeber Marcin Korolec hat den prächtigen Insel-Palast in Warschaus Königlichem Bäderpark zum Treffpunkt für die Fachgespräche des Weimarer Dreiecks bestimmt. Sein deutscher Kollege Peter Altmaier und der Franzose Philippe Martin fühlen sich dort an diesem sonnigen Montag sichtlich wohl. „Es ist wunderbar, hier zu sein“, bedankt sich Altmaier. Die wütenden Rufe der polnischen Bauern und Umweltaktivisten, die seit dem Morgen vor Korolec‘ Amtssitz gegen den „Fracking-Tod der Landwirtschaft“ protestierten, dringen nicht zu den Ministern durch.

„Früher oder später werden sie uns Rede und Antwort stehen müssen“, ist Demonstrantin Barbara Siegieńczuk dennoch überzeugt. „Wir wollen wissen, welche Risiken mit dem Fracking verbunden sind“, sagt sie. Siegieńczuk gehört zu einer Delegation von „Occupy Chevron“, die in die Hauptstadt gereist ist. Unter der Occupy-Losung blockieren seit Wochen rund 100 Bewohner des Dorfes Żurawlow im Südosten des Landes die Arbeiten des US-Giganten Chevron. Der Energieriese sucht in der entlegenen Region an der ukrainischen Grenze nach Schiefergas. Es ist in Tiefengestein eingelagert, das nur mit Hilfe giftiger Chemikalien aufgebrochen werden kann. So funktioniert die umstrittene Fracking-Förderung.

Schiefergas soll Polen nach dem Willen der Regierung aus der Abhängigkeit von russischen Lieferungen befreien. Doch ähnlich wie in Frankreich und Deutschland tobt jenseits der Oder längst ein Glaubenskrieg um das Fracking. „Für Polen ist das eine Riesenchance“, behaupten Befürworter wie Korolec. Kritiker warnen vor einer Verseuchung des Grundwassers und einer Verheerung ganzer Landstriche durch die flächenintensiven Bohrungen.

„Vor zwei Jahren hat Chevron in Żurawlow mit seismischen Tests begonnen“, berichtet Ewa Sufin von der Umweltorganisation „Strefa Zieleni“ (Grüne Zone). „Seither haben mehrere Familien im Dorf verdrecktes Trinkwasser, das wie Öl aussieht.“ Seither geht auch die Angst um in der Region, die laut Sufin „zu 100 Prozent von der Landwirtschaft abhängt“ und wie ein Naturparadies wirkt. Der Name Żurawlow ist Programm. Er leitet sich vom polnischen Wort für Kranich ab. Aber auch Störche ziehen im Sommer ihre Bahnen über Wäldern und Seen.

Es sind einige wenige Landbesitzer, die ihre Felder an Chevron verkauft haben. Als die Amerikaner im Frühjahr mit schweren Maschinen, Sicherheitsleuten und Stacheldraht anrückten, um auf den Äckern von Zurawlow Probebohrungen zu starten, stellten sich die übrigen Bauern mit ihren Treckern den Trucks entgegen. Sie argumentieren mit den Brutzeiten der Vögel in dem Gebiet, „das nur wenige Hundert Meter von einem geschützten Natura-2000-Areal entfernt ist“, wie Sufin sagt.

Der Ausgang des Duells in Zurawlow ist offen. Andernorts in Polen toben ähnliche Kämpfe, etwa in der Kaschubischen Schweiz an der Ostsee. Die Entscheidung aber fällt vermutlich in Warschau oder in Brüssel. Polen, Deutschland, Frankreich und die EU als Ganzes ringen derzeit um rechtliche Regeln für das Fracking in Europa. Am klarsten positioniert hat sich die Regierung in Paris, die der Technik eine Absage erteilt hat. Bundesumweltminister Altmaier hat im Vorwahlkampf den Entwurf für ein Schiefergas-Gesetz auf Eis legen lassen. „Fracking ist in Deutschland derzeit keine Option“, sagt er in Warschau.

Der zuständige EU-Kommissar Günther Oettinger seinerseits ist davon überzeugt, dass Schiefergas Europas Energiemix bereichern kann. „Polen könnte beim Fracking ein Vorbild sein“, sagt er, frei nach der Devise: Lasst uns das Verfahren jenseits der Oder erst testen, dann sehen wir weiter. Am Dienstag wollen sich die EU-Umweltminister in Litauen treffen, „um auszuloten, ob gemeinsame Regeln möglich sind, ohne die nationale Entscheidungshoheit auszuhebeln“, wie Altmaier erklärt.

Der Pole Korolec wird sich im Zweifel dagegen wehren. Er hält die Proteste der Fracking-Gegner für „emotional aufgeladen“, wie er am Montag sagt. „Wir sollten uns auf Fakten, nicht auf Gefühle stützen.“ Nach langem Hin und Her hat er ein Fracking-Gesetz präsentiert, das am 1. Januar 2014 in Kraft treten soll. Es sieht auch eine Neuregelung der Konzessionsvergabe an in- und ausländische Unternehmen vor.

Für Chevron könnte dies das Aus bedeuten. Sollen deshalb in Zurawlow vollendete Tatsachen geschaffen werden? Klar ist: Vorerst wird der Stellvertreterkrieg zwischen Bauern und Bossen im Südosten Polens weitergehen – angetrieben von der Existenznot und der Angst vor dem schwarzen Schmierwasser.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *