Ein Blick von außen

Korrespondenten, die von einem Medium in ein Berichtsgebiet entsandt werden, bleiben in aller Regel drei bis fünf Jahre am Ort des Geschehens. Ähnlich ist es im diplomatischen Dienst. Sinn und Zweck der Rotation ist, dass Journalisten und Botschafter eine Region zwar gut kennenlernen sollen. Sie sollen aber auch nicht mit „ihrem” Land verwachsen, sondern Distanz und einen frischen Blick von außen wahren.

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In der Boomtown ist nicht alles Gold, was glänzt: Blick in einen Hinterhof im Warschauer Arbeiterviertel Praga. (Foto: Krökel)

Wie richtig und wichtig diese Überlegung ist, habe ich nach meiner Rückkehr aus der Sommerpause gemerkt. Nach längerer Abwesenheit betrachte ich die polnischen Dinge wieder mit mehr Neugier, weniger routiniert.

Da ist zum Beispiel die Sache mit der Warschauer Oberbürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Waltz. Bislang habe ich die Dame immer für eine patente Frau gehalten. Sie gehört der in Polen regierenden liberalen Bürgerplattform von Premier Donald Tusk an und wird sogar als dessen Kronprinzessin gehandelt. Ein Referendum über ihre Abwahl, das die rechtskonservative Opposition vor meinem Urlaub auf die Beine stellen wollte, hielt ich damals für politischen Mummenschanz.

Nun aber muss ich nicht nur feststellen, dass vermutlich genug Unterschriften für die Volksabstimmung zustande kommen werden. Die Abwahl ist auch eine durchaus realistische Perspektive.

Bei den Warschauern hat sich enorm viel Frust aufgestaut, den ich vor meiner Abreise nicht wirklich wahrgenommen hatte. So waren die Fahrpreise für Busse und Bahnen in den vergangenen zwei Jahren gleich zweimal kräftig angehoben worden. Im Gegenzug verzögert sich der Bau einer zweiten U-Bahn-Linie deutlich. Die Müllgebühren steigen, aber der Start eines als revolutionär angekündigten Recyclingsystems wird wieder und wieder verschoben.

Im Briefkasten fand ich nach meiner Rückkehr ein persönliches Schreiben der Bürgermeisterin, in dem sie sich entschuldigt. Nun werde ich erst einmal klären, ob ich sie als Warschauer auf Zeit eigentlich abwählen darf. Vermutlich nicht. Ich bin ja erst drei Jahre hier.

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