Antisemitismus: Polens Parallelwelten

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu besucht Polen. Er reist in ein Land, das noch immer auf der Suche nach seinem historischen Selbstverständnis ist. Gerade in der Frage des Antisemitismus zeichnen Linke und Rechte die Lage allzu oft in Schwarz-Weiß-Bildern. Die Wirklichkeit ist wie so oft eher grau.

Die rechtsgerichtete polnische Zeitung „Nasz Dziennik“ wähnte sich kürzlich bereits in einem medialen Krieg. Ein Kommentator des Blattes empörte sich über den linken „Propagandaterror“ gegen katholisch-konservative Kreise im Land. Im Zentrum der Kampagne stehe als Totschlagargument der Vorwurf des Antisemitismus. Wer national denke, werde in Polen sogleich als Faschist, Rassist oder Antisemit abgestempelt. Fazit: „Mit der Realität hat das nichts zu tun.“

Richtig daran ist, dass der Streit über den Antisemitismus in Polen nicht zur Ruhe kommt. Die Diskussion verschärft sich in diesen Tagen erneut. Am Mittwoch reist der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu zu Regierungskonsultationen nach Warschau. Am Donnerstag eröffnet er im Museum im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau eine neue Dauerausstellung über den Holocaust. Anfang nächster Woche schließlich strahlt der öffentlich-rechtliche Fernsehsender TVP die umstrittene ZDF-Weltkriegstrilogie „Unsere Mütter, unsere Väter“ aus.

Nach seiner Premiere in Deutschland hatte der Dreiteiler jenseits der Oder wütende Reaktionen hervorgerufen. Die Filmemacher hatten Partisanen der polnischen Heimatarmee AK (Armija Krajowa) pauschalisierend als Antisemiten dargestellt. Im Grad der Vereinfachung war das vermutlich ungewollt und eher einer latenten Ignoranz historischer Befindlichkeiten im Nachbarland geschuldet als böser Absicht. Im Ergebnis aber verkehrte eine deutsche (!) Produktion das Selbstverständnis der Polen als „Opfernation“ nahezu ins Gegenteil.

Vor diesem Hintergrund ist es leicht erklärlich und in Ansätzen sogar verständlich, dass rechtskonservative Publizisten den Staatssender TVP dieser Tage in überschießender Schärfe für die geplante Ausstrahlung von „Unsere Mütter, unsere Väter“ kritisieren. In dem Magazin „Uważam Rze“ schrieb ein Kommentator zu Wochenbeginn, die Produktion sei „von der ersten bis zur letzten Szene eine Lüge“. Sie diene den Deutschen dazu, sich reinzuwaschen.

Richtig ist: Die Filmepisoden verzerren die historische Wirklichkeit. Es waren die Deutschen, die während des Krieges rund sechs Millionen Polen töteten, davon drei Millionen Juden. Zugleich gab es zahllose nichtjüdische Polen, die Juden vor den deutschen Mördern retteten. In Israel werden sie bis heute als „Gerechte unter den Völkern“ verehrt. Benjamin Netanjahu wird daran vermutlich in Warschau und/oder Auschwitz erinnern.

Und dennoch: Es gab und gibt eben auch polnische Antisemiten. Es hat – anders, als Polens Rechte dies behaupten – sehr wohl etwas mit der Realität zu tun, wenn Wissenschaftler über polnische Nazi-Kollaborateure und über Massaker von Polen an Juden am Ende des Weltkriegs berichten. Im Jahr 2001 schilderte der amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross in seinem Buch „Nachbarn“, wie polnische Täter 1941 im Städtchen Jedwabne Hunderte ihrer jüdischen Mitbürger misshandelten, töteten oder sogar bei lebendigem Leib verbrannten.

In weiteren Werken, die zunehmend polemisch-provokativ geschrieben waren, legte Gross später nach und schoss dabei mitunter über das Ziel hinaus. Im Gespräch sagte er einmal, die Nazis hätten lediglich das Werk aller Antisemiten in Europa verübt – auch der Polen. Mit derartigen Thesen trat der Historiker immer wieder Debatten los, in deren Verlauf ihm seine Gegner im Stile der „Nasz Dziennik“-Kommentatoren vorwarfen, aus persönlichen Gründen die Antisemitismus-Keule zu schwingen.

Gross wurde als Sohn eines jüdischen Holocaust-Überlebenden und seiner polnischen Frau geboren. Er verließ das Land in den späten 60er Jahren, als die herrschenden Kommunisten in der Volksrepublik Polen eine antisemitische Hetzkampagne entfesselten und die meisten polnischen Juden, die den Holocaust überlebt hatten, ins Exil trieben. Es mag sein, dass diese Ausbrüche des Judenhasses bei Gross ihre Spuren hinterlassen haben. Umso wichtiger ist es, den Antisemitismus in Polen als Problem mit historischen Wurzeln zu benennen.

Im Land geblieben sind bis heute kaum mehr als 20.000 Juden. Ungeachtet dieser geringen Zahl gehört es zur polnischen Realität, dass Rechtsradikale und Fußball-Hooligans bei Aufmärschen und in Stadien antisemitische Parolen verbreiten. Am Nationalfeiertag im November 2012 zogen Hunderte Neofaschisten durch Warschau. Sie skandierten „Gott, Ehre, Vaterland“ und trugen antijüdische Spruchbänder. Hooligans von Legia Warschau zeigten im Jahr zuvor bei einem Spiel gegen Hapoel Tel Aviv ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Dschihad“ und erklärten den israelischen Gästen damit den „Heiligen Krieg“.

Radikale und Extremisten dieser Art sind in Polen eine kleine Minderheit, wie es sie in nahezu allen europäischen Ländern gibt. Aber es gibt sie eben auch in Polen. Erst am vergangenen Wochenende kam die selbst ernannte „Nationale Bewegung“ in Warschau zu ihrem Gründungskongress zusammen. Hervorgegangen ist sie aus eben jenen Gruppen, die sich im vergangenen November durch die Hauptstadt geprügelt und Hassparolen verbreitet haben.

Wenn der israelische Premier Netanjahu am Mittwoch nach Polen kommt, werden die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend groß sein. Einer der Gastgeber, der weltgewandte und liberale Außenminister Radoslaw Sikorski, sagte im Vorfeld des Besuches, die Beziehungen seines Landes zu Israel seien „stark“. Juden seien in Polen „willkommen und sicher“. Bei genauem Hinsehen sind diese Sätze kaum mehr als ehrlich gemeintes Wunschdenken. In Wirklichkeit tut sich Polen weiterhin schwer mit seinen parallelen Wirklichkeiten.

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