Viel Licht und lange Schatten

Am 8. Juni 2012 begann die Fußball-EM in Polen und der Ukraine. Die Uefa bewertet die Euro in ihrer Jahresbilanz als „eindrucksvollen Erfolg“. War sie das? Ich habe mich in den Gastgeberländern auf Spurensuche begeben.

Urheberrechtlich geschützt, alle Rechte bei mir.

Im Sommer 2012 stand in Polen und der Ukraine alles im Zeichen des Fußballs – wie hier im Zentrum von Warschau. (Foto: Krökel)

Vor dem Kiewer Flughafen Borispol scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Plakate des europäischen Fußball-Verbandes Uefa begrüßen die Reisenden zur Euro 2012. Ein Versehen? Eher ein Akt der Nostalgie. Ein Jahr ist es her, dass die Ukraine gemeinsam mit Polen das wichtigste Sportturnier des Kontinents ausgerichtet hat. Diese erste EM in Osteuropa seit dem Ende des Kalten Krieges war „ein hoch spannendes Projekt“, wie Uefa-Chef Michel Platini erklärte. Heute sagt er: „Die Gastgeber haben die Herausforderung mit Bravour gemeistert.“ Was ist geblieben, außer einigen Plakaten?

In Borispol kommt neben der Vergangenheit auch die Zukunft zu ihrem Recht. Vor dem alten Terminal B reiht sich eine Schlange schneeweißer Taxis der koreanischen Marke Hyundai auf. Es sind nagelneue Fahrzeuge. Im Innern riecht es nach unbenutztem Leder. Der Chauffeur erkundigt sich in akzentfreiem Englisch nach dem Ziel. Das Auto gleitet sanft an der glitzernden Glasfassade des Terminals F vorbei. Die Unterschiede zum Sommer 2012 springen ins Auge. Die hochmoderne Halle F wurde zwar vor der EM in Betrieb genommen. Damals glich sie jedoch einer Großbaustelle im Endstadium.

Zeitgleich tobte in Borsipol ein Taxi-Krieg. Jahrzehntelang hatten sich Privatleute mit ihren Autos am Flughafen schwarz verdingt. Zur Euro wollte die Regierung des autoritären Präsidenten Viktor Janukowitsch dem Treiben ein Ende bereiten. Böse Zungen zogen Vergleiche zur Jagd auf die Straßenhunde, die in den vier Austragungsorten Charkiw, Donezk, Kiew und Lemberg vor der EM massenhaft getötet wurden. Die Taxifahrer wehrten sich jedoch zäh. Von den schneeweißen Hyundai Genesis war während der EM in Borispol wenig zu sehen.

Die alten Plakate, der neue Terminal, die modernen Taxis: In Kiew drängt sich der Eindruck auf, dass die Ukraine jetzt, zwölf Monate nach der EM, bestens auf das Turnier vorbereitet wäre. Die Uefa lobt in ihrer Jahresbilanz die entstandene Infrastruktur in höchsten Tönen. „Sportliche Großveranstaltungen sind auch in Osteuropa möglich. Das haben Polen und die Ukraine eindrucksvoll gezeigt“, erklärt Platini. Darüber freilich lässt sich streiten. Das Beispiel Lemberg zeigt, was bei der EM-Planung falsch gelaufen ist.

Deutsche Fans in Lemberg/Lviv im Juni 2012. (Fotos: Krökel)

Deutsche Fans in Lemberg/Lviv im Juni 2012 (krö).

Die westukrainische Stadt schlägt sich seit einem Jahr mit einem völlig überdimensionierten Flughafen und einem neuen Stadion herum, das nicht gebraucht wird. Die Vorgaben machte die Uefa. Nun muss die finanziell klamme Kommune zwei Millionen Euro im Jahr für den Betrieb des Stadions zuschießen. Viel zu wenige Zuschauer kommen zu den Spielen des Lemberger Klubs Karpati. Aus Frustration über den provinziellen Fußball der Mannschaft entließ die Vereinsführung vergangene Woche 19 von 23 Spielern.

Etwas anderes kommt hinzu. Die Generalstaatsanwaltschaft in Kiew ermittelt bis heute in Dutzenden Fällen von EM-Korruption. Die Kosten für die Erneuerung der Infrastruktur waren im Vorfeld des Turniers explodiert. 40 Prozent der Investitionssumme seien in dunkle Kanäle geflossen, rechnen Experten vor. Allein für die Sanierung des Kiewer Finalstadions wurden rund 460 statt der geplanten 140 Millionen Euro fällig. Kritiker beschuldigen die berüchtigten Oligarchen, sich im Zusammenspiel mit der Regierung an den Staatsaufträgen bereichert zu haben.

Und dennoch: Wo Schatten ist, strahlt auch Licht. Zwischen den ukrainischen EM-Städten verkehren seit einem Jahr Hochgeschwindigkeitszüge, die gut ausgelastet sind. Vor allem aber hat die Euro einen spürbaren Mentalitätswandel bewirkt. „Es ist doch keine Frage, dass wir zu Europa gehören“, erklärt der Kiewer Taxifahrer. So sagt es auch die Dame mit der strengen Hochsteckfrisur an der Rezeption des Hotels „Ukraina“ im Herzen der Hauptstadt. Das Haus und seine Bediensteten sind äußerlich noch immer von sowjetischem Stil geprägt. Doch der Geist hat sich geändert. Wo Kunden stets Bittsteller waren, sind sie in der europäischer gewordenen Ukraine endlich Könige.

Polen ist längst in der EU angekommen. Von Hochgeschwindigkeitszügen kann der Co-Gastgeber der Euro 2012 allerdings nur träumen. Das Land, das lange vor Deutschland 1997 eine Schuldenbremse in der Verfassung verankerte, ist bescheiden geblieben. Sichtbarstes EM-Erbe ist die Autobahn A 2, die seit Jahresfrist durchgängig von Warschau zur deutschen Grenze und als Europastraße weiter bis nach Lissabon führt. Der Berlin-Warszawa-Express dagegen rumpelt noch immer mit Tempo 100 auf die Hauptstadt zu. Immerhin: Im unterirdischen Bahnhof „Centralna“ empfängt heute viel Licht die Reisenden.

Das war früher alles finster hier, ein echtes Horrorkabinett“, sagt die 22-jährige Agnieszka Jablonska, die auf ihren Zug wartet. Duft frischen Kaffees zieht durch die Hallen, in denen einst der Dunst alten Frittierfettes waberte. Die Stadt hat sich trotz EM gegen einen Neubau entschieden und stattdessen den alten realsozialistischen Betonklotz sanieren lassen. Das Projekt ist gelungen. Architektonisch fügt sich der Bahnhof mit seinem Flügeldach durchaus in die Warschauer City-Skyline.

Es ist ein Samstagabend Ende Mai, als in den Kneipen des Bahnhofsviertels wieder so etwas wie EM-Fieber hochkocht. Im Fernsehen wird das Finale der Champions League übertragen. „Kuba, Kuba, Kubaaa!“, brüllt der Reporter, als Jakub „Kuba“ Blaszczykowski eine Chance für Borussia Dortmund gegen die Münchner Bayern vergibt. Der BVB ist so etwas wie Polens Verein in der Weltspitze. Zuletzt standen dort mit „Kuba“, Robert Lewandowski und Lukasz Piszczek drei polnische Nationalspieler im Kader.

Urheberrechtlich geschützt.

Früh übt sich, wer ein Meister werden will – hier in einer Fußball-Schule in Schlesien. Auf dem Nachwuchs ruhen die polnischen Kicker-Hoffnungen. (Foto: Football Academy)

„Das hilft uns nicht viel.“ Darin sind sich die Zuschauer in den Bahnhofskneipen an diesem Finalabend einig. Die polnische Nationalelf, die bei der EM kläglich in der Vorrunde scheiterte, findet trotz eines Stars wie Lewandowski nicht aus ihrem Dauertief heraus. Im März verloren die Weiß-Roten in der WM-Qualifikation 1:3 gegen die Ukraine. Beim Co-Gastgeber, der 2012 ebenfalls früh ausschied, ist die Lage kaum besser. Fußballerisch war die Euro für die Heimmannschaften ein Fiasko. Positive Folgewirkungen sind bislang nicht auszumachen.

Begonnen hatte die EM-Pleite am 8. Juni mit einem 1:1 der Polen im Eröffnungsspiel gegen Griechenland im Warschauer Nationalstadion. Nur drei Kilometer vom Zentralbahnhof entfernt leuchtet die mächtige Schüssel über dem östlichen Ufer der Weichsel in den Farben Weiß und Rot. Die Multifunktionsarena mit beweglichem Dach und Dutzenden Konferenzräumen war Polens EM-Prestigeprojekt. Der Bau verzögerte und verteuerte sich mehrfach. Heute jedoch macht in der Hauptstadt das Wort vom „Wunder an der Weichsel“ die Runde.

Das 370 Millionen Euro teure Stadion hat sensationell schnell schwarze Zahlen geschrieben. Die Gewinne sind zwar mehr als überschaubar. Den Betriebskosten von umgerechnet rund fünf Millionen Euro standen im ersten Nach-EM-Jahr Einnahmen von 5,1 Millionen Euro gegenüber. Dennoch: Die Arena ist mit 58.000 Plätzen zu groß für Ligaspiele und deshalb im Betrieb auf Messen, Tagungen, Konzerte und Shows angewiesen. Dass dieses Konzept sofort funktioniert, hatte niemand erwartet.

Die Zahlen sprechen vor allem für die Attraktivität der boomenden Metropole Warschau. Anders sieht es in den übrigen polnischen EM-Städten aus. Die Stadien in Breslau, Danzig und Posen haben jeweils ein Millionenminus eingefahren. Regierungschef Donald Tusk hat dagegen längst eine andere Rechnung aufgemacht: „Die Euro hat uns weltweit in einem neuen Licht gezeigt. Wir sind Europameister der Herzen“, jubelte er, als Spanien im Finale 4:0 gegen Italien siegte.

Umfragen haben gezeigt, dass 81 Prozent der Fußball-Touristen für eine Urlaubsreise nach Polen zurückkehren wollen. Das ist eine starke Zahl angesichts von rund einer Million EM-Gästen. Eine ehrliche Bilanz lässt sich allerdings erst am Ende des Sommers 2013 ziehen. Nach der erfolgreichen Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland haben Wirtschaftsforscher errechnet, dass die WM ein minimales zusätzliches Wachstum von 0,02 Prozent ausgelöst hat. In Polen hoffen Optimisten auf 0,1 Prozent. Es sind Nullsummenspiele.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *