Weltgewandt, offen, jung sucht …

Es sind ja mitunter die kleinen Dinge am Rande und die Nebensätze, die mehr über die große Politik verraten als all die hehren Worte jener, die sich für Staatenlenker und historische Figuren halten. Diese Erkenntnis hat mich in den vergangenen Tagen in Kiew geradezu überfallen.

Der ukrainische Ministerpräsident Mykola Asarow im Interview (Foto: Ukrainische Regierung)

Der ukrainische Ministerpräsident Mykola Asarow im Interview (Foto: Ukrainische Regierung)

Die ukrainische Regierung verhandelt mit der EU über eine Annäherung. Das war vermutlich der Grund dafür, dass sich die Entscheidungsträger in Kiew, die seit Jahren bei jeder Anfrage dichtgemacht hatten, plötzlich zu ausführlichen Gesprächen mit einem deutschen Korrespondenten herablassen. Sogar Ministerpräsident Mykola Asarow war zum Interview bereit.

Natürlich ging es auch und vor allem um den Fall Julia Timoschenko. Und da klagte der Premier dann nach einem Wortschwall über die allumfassende Schuld seiner Vorvorgängerin, die inhaftierte Oppositionsführerin sei nicht bereit, vor Gericht ihre Unschuld zu beweisen. Aha! Seit wann müssen Angeklagte vor Gericht ihre Unschuld beweisen? Gibt es nicht so etwas wie eine Unschuldsvermutung und den Auftrag an die Ankläger, ggf. Schuld zu beweisen?

Was Asarow gemeint haben könnte, machte mir schließlich die stellvertretende Generalstaatsanwältin Lilia Frolowa klar. Sie verwies auf den Fall des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff, der einen Deal mit der Staatsanwaltschaft abgelehnt habe und sich mutig einem Prozess stellen wolle. Timoschenko dagegen sei nicht einmal bereit, mit ihren Anklägern ein Wort zu wechseln, sondern drehe sich wie ein Kind zur Wand, wenn Justizvertreter mit ihr sprechen wollten.

Schon richtig: Es geht hier wie dort um Amtsmissbrauch. Persönlich bin ich mir allerdings nicht ganz sicher, ob man die Fälle Timoschenko und Wulff wirklich miteinander vergleichen kann.

Aber lassen wir das. Es gibt auch erfreuliche Randnotizen. All jene zum Beispiel, die Asarow und Frolowa umschwirren, sind erstaunlich offen, weltgewandt und – nun ja: irgendwie westlich angehaucht. Das gilt für Sekretärinnen, Dolmetscher und Pressereferenten. Jung sind die meisten auch. Sie wirken wie Suchende. Wenn das selbst im Apparat einer autoritären Regierung so ist, macht das durchaus Hoffnung auf eine demokratischere und freiere Zukunft. Nur die Sicherheitsbeamten nerven noch immer. Aber das kann man dann doch ganz gut mit Deutschland vergleichen.

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