Weniger ist mehr (3): Die Grenzen Europas

Wenn von Kerneuropa die Rede ist, denken die meisten an Deutschland, Frankreich, Benelux und womöglich noch an Polen und Tschechien. In Wirklichkeit reicht der europäische Kern zweifellos von Skandinavien bis zum Mittelmeer und von den britischen Inseln bis zum Balkan. Das ist gut so. Mit einem Beitritt der Türkei und/oder der Ukraine würde sich die EU aber einmal mehr überschätzen und übernehmen.

Gehört die Ukraine in die EU? Mai-Demonstration der Veteranen im "Kiewer Bund der Sowjetoffiziere": (Foto: Krökel)

Gehört die Ukraine in die EU? Mai-Demonstration des „Kiewer Bundes der Sowjetoffiziere“: (Foto: Krökel)

Die gefühlte Stimmung in Europa entspricht der gemessenen Stimmung: Das Vertrauen in die EU sinkt rapide. Immerhin sind die Polen noch einigermaßen zufrieden mit Brüssel.

Was aber ist konkret zu tun, um den Negativtrend zu brechen? Weniger ist mehr, Beispiel Erweiterungspolitik:

Der Fall Polen und die Beitritte von 2004 haben gezeigt, wie erfolgreich die EU mit ihrer Strategie der gezielten Ausdehnung ist. Die Länder des ehemaligen Ostblocks sind mittlerweile blühende Demokratien, auch wenn sich manch welkes Blatt dazwischen findet, das abzusterben droht (Ungarn).

Schwieriger schon ist es mit Rumänien und Bulgarien, wo weiter die Korruption blüht statt der Demokratie. Ähnlich könnte sich die Situation ab Juli beim 28. Mitglied Kroatien darstellen. Dennoch kann es keinen Zweifel daran geben, dass die Südosteuropäer in die EU gehören. Das gilt im Zweifel auch für Albanien.

Aber muss nicht „irgendwo Schluss sein“, wie es an deutschen Stammtischen heißt? Was ist mit der Türkei? Wie steht es gar um nordafrikanische Staaten oder den Kaukasus (Georgien)? Brauchen diese Länder eine Beitrittsperspektive?

Nein, sie brauchen sie nicht, und sie sollten sie nicht bekommen! Für die krisengeschüttelte EU wäre es ein Segen, wenn sie sich auf absehbare Zeit auf ihren Markenkern Kerneuropa konzentrieren würde.

Was die Zeit betrifft, reden wir dabei vermutlich über ein Vierteljahrhundert, wie es jetzt bereits seit dem Mauerfall vergangen ist. Und was den Raum angeht, so beschränkt sich Kerneuropa nicht allein auf Deutschland, Frankreich, Benelux und womöglich Polen, sondern reicht vom Atlantik bis an den Bug und vom Nordkap bis Sizilien – aber eben nicht darüber hinaus.

Um es klar zu sagen: Die Türkei gehört ebenso wenig in die EU wie die Ukraine. Beide Länder sind zu groß. Sie bringen innen- und außenpolitische Probleme mit sich, die den europäischen Kerngedanken sprengen.

In der Ukraine öffnet sich die gesamte postsowjetische, sprich: russische Welt. In der Türkei, die an den Iran, den Irak und Syrien grenzt, öffnet sich die arabische Welt. Mit beiden Staaten als Mitgliedern könnte nicht mehr von einer EU die Rede sein. Es ginge dann um eurasische Politik. Das aber wäre ein Irrweg. Die EU sollte sich deshalb ehrlich machen und ihre Beitrittspolitik neu definieren. Auch dabei ist weniger mehr.

 

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