„Deutsche Mediziner handeln mit Embryos“

Der polnische Justizminister Jaroslaw Gowin hat mit unbewiesenen Anschuldigungen einen Skandal ausgelöst. Im Hintergrund steht die Frage: Werden Tausende Embryos zu Forschungszwecken getötet? Besonders irritierend ist, dass Gowin mit dem Finger auf deutsche Wissenschaftler zeigt.

Ein Gespenst geht um in Polen. Es ist das Gespenst des deutschen KZ-Arztes Josef Mengele. Der Rassenmediziner hatte im Vernichtungslager Auschwitz Häftlinge als menschliche Versuchskaninchen missbraucht. So operierte er Kinder ohne Narkose, um das Schmerzempfinden zu testen.

70 Jahre später erklärt der Warschauer Justizminister Jaroslaw Gowin: „Deutsche Wissenschaftler importieren Embryos aus anderen Ländern, darunter Polen, und führen an ihnen Experimente durch.“ Tausende „menschliche Wesen“ hätten ihr Leben verloren. Beweise für seine ungeheuerliche Behauptung blieb der Minister allerdings schuldig.

Deutsche Behörden dementierten den Vorwurf umgehend. Das zuständige Robert-Koch-Institut teilte auf Anfrage der Zeitung „Gazeta Wyborcza“ mit, dass aus Polen weder Embryos noch embryonale Stammzellen importiert worden seien. In polnischen Medien und in der Politik brach dennoch ein Sturm los, in dessen Zentrum sich Gowin unerschütterlich gibt.

Er wisse, dass er die Wahrheit sage, erklärt der Minister und beruft sich auf Gespräche mit Ärzten aus In-Vitro-Kliniken, die sich auf künstliche Befruchtungen spezialisiert haben. „Die Mediziner haben mich darüber schon vor fünf Jahren informiert“, betont er. „Die Vernichtung von Tausenden Embryos dauert an.“ Polnische Kritiker halten Gowin entgegen, er rufe bewusst die Erinnerung an Mengele wach und erkläre „den Deutschen den Krieg“.

Auslöser für die skandalträchtige Debatte war ein erschreckender Fund in einer Posener Augenklinik. In dem Haus, in dem früher eine In-Vitro-Praxis untergebracht war, entdeckten die neuen Betreiber in der vergangenen Woche einen Behälter zur Aufbewahrung abgetöteter und eingefrorener Embryos. Die Augenärzte alarmierten daraufhin Polizei und  Staatsanwaltschaft, die nun in dem Fall ermitteln.

Gowin wollte es darauf aber nicht beruhen lassen. Ohne die Ergebnisse der Nachforschungen abzuwarten, trat er im Nachrichtensender TVN 24 vor die Kameras und bezichtigte deutsche Stammzellforscher, einen schwunghaften Importhandel mit ausländischen Embryos zu betreiben – unter anderem mit Polen, wo es eine gesetzliche Lücke gebe.

„Der Handel mit Embryos ist bei uns leider nicht verboten“, erklärt der Justizminister, der mit Vorstößen zu entsprechenden Gesetzesänderungen mehrfach gescheitert ist. Die weltanschaulich extrem aufgeheizte In-Vitro-Debatte in dem katholisch geprägten Land bildet den Hintergrund für Gowins Alarmruf.

Der tiefgläubige Christ gilt in der rechtsliberalen Regierung von Premier Donald Tusk vor allem in ethischen Fragen als Vorkämpfer der Konservativen. Er möchte die künstliche Befruchtung strikt limitieren und die Forschung an embryonalen Stammzellen komplett verbieten.

Gowin hat inzwischen zugestanden, dass er „nicht über konkrete Fakten“ gesprochen habe. Er habe nicht behauptet, „dass im Krankenhaus X Embryos an ein ausländisches Institut verkauft werden“. Genau das wäre aber zwingend erforderlich gewesen, wenn der Minister deutsche Wissenschaftler pauschal beschuldige, halten ihm Kritiker entgegen. „Die Deutschen haben eines der schärfsten Embryonenschutzgesetze (ESG) in Europa“, erklärt etwa Professor Waldemar Kuczynski von der polnischen Gynäkologen-Gesellschaft.

Gowin seinerseits verkehrt diese Aussage in ihr Gegenteil. „Gerade weil die Gesetze in Deutschland so strikt sind, wenn es um die Herstellung von Embryos geht, werden sie aus dem Ausland importiert“, behauptet er und stellt klar: „Ich sage ja nicht, dass die deutschen Forscher etwas Illegales tun. In Deutschland darf man mit Embryos experimentieren.“

Tatsächlich sieht das deutsche ESG vor, dass künstliche Befruchtungen nur zum Zweck einer Schwangerschaft erlaubt sind. Wörtlich heißt es in Paragraph 2: „Wer einen extrakorporal [außerhalb des Körpers] erzeugten Embryo veräußert oder zu einem nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck abgibt, erwirbt oder verwendet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Auf Anfrage teilte das zuständige Gesundheitsministerium in Berlin mit, dass „dies unabhängig davon gilt, wo der Embryo herstammt“ – also auch für das Ausland. Lediglich in ausführlich begründeten und behördlich genehmigten Einzelfällen dürfen deutsche Wissenschaftler demnach Stammzellen importieren.

Gowin hat folglich mit seiner drastischen und irreführenden Wortwahl die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Die deutsche Botschaft in Warschau forderte inzwischen in einem Brief Aufklärung von dem Justizminister. Der Gescholtene selbst hält sich allerdings für das Opfer einer „politischen Hetzjagd“ seiner liberalen Gegner. „Was ich gesagt habe, habe ich nicht zum ersten Mal gesagt. Es wird aber jetzt skandalisiert.“

Fakt ist: Der Minister und seine konservativen Mitstreiter hatten im Januar einen Gesetzentwurf der Tusk-Regierung über die Homo-Ehe zu Fall gebracht. Gowin stand damals wegen seiner provozierenden Debattenbeiträge kurz vor dem Rauswurf aus dem Tusk-Kabinett. Wie der Premier nun auf den Wirbel um die antideutschen Attacken seines Parteifreundes reagiert, ist offen.

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