Brücken über dem Abgrund der Geschichte

Vor 70 Jahren brach der Warschauer Ghetto-Aufstand aus. Ein Besuch an den Baustellen der Erinnerung hinterlässt zwiespältige Eindrücke. Die letzten Zeitzeugen sterben allmählich aus, und der Versuch, die Geschichte an Gedenkstätten und in Museen wachzuhalten, stößt an Grenzen.

Mahnmal für die Helden des Warschauer Ghettos. (Foto: Jüdisches Museum)

Mahnmal für die Helden des Warschauer Ghettos. (Foto: Jüdisches Museum)

Alles riecht neu hier. Die Wände sind frisch gestrichen. Den Möbeln in den Seminarräumen entströmt der chemische Duft fabrikneuer Kunststoffe. Selbst das Papier der Prospekte atmet noch Druckerschwärze. Es sind seltsam unpassende Gerüche für ein Museum, das eine 1000 Jahre alte Geschichte erzählen will. Auch das Auge ist irritiert. Es wandert durch die leere, von Tageslicht durchflutete Eingangshalle und findet erst jenseits der Glasscheiben Halt, am historischen Ghetto-Mahnmal auf dem Willy-Brandt-Platz, wo der deutsche Kanzler einst niederkniete.

Warschau bekommt nach langer Verzögerung ein „Museum der Geschichte der polnischen Juden“. Am Wochenende öffnet das Haus seine Türen, 70 Jahre nach jenem 19. April 1943, als sich die wenigen noch lebenden Juden im Ghetto mit ein paar Pistolen in den abgezehrten Händen den Nazis entgegenwarfen. Lieber wollten sie in einem aussichtslosen Kampf sterben, als sich weiter wie Schlachtvieh am „Umschlagplatz“ des nahen Güterbahnhofs ins Vernichtungslager Treblinka abtransportieren zu lassen.

Brückenschlag über den Schlund der Geschichte: Blick in die Empangshalle des Jüdischen Museums in Warschau. (Foto: Jüdisches Museum)

Brückenschlag über den Schlund der Geschichte: Blick in die Empangshalle des Jüdischen Museums in Warschau. (Foto: Jüdisches Museum)

„Der Massenmord an den polnischen Juden war ein Riss in der Geschichte“, sagt Museumssprecher Piotr Kossobudzki. Die gewaltige Empfangshalle soll diesen Bruch symbolisieren. Die geschwungenen Wände reichen über mehrere Stockwerke hinweg vom Boden bis hinauf zum Dach und durchschneiden das Gebäude von einer Seite zur anderen. Weit oben führen zwei Brücken über den Abgrund. Auch sie sind Sinnbilder, Zeichen einer behaupteten historischen Kontinuität. „Der Holocaust ist nicht die ganze Geschichte“, sagt Kossobudzki. „Wir wollen von einem Jahrtausend jüdischen Lebens in Polen erzählen, nicht nur von jüdischem Sterben zwischen 1939 und 1945.“

Noch allerdings lässt die Erzählung auf sich warten. Die geplante Dauerausstellung wird in dem Haus im Herzen des ehemaligen Ghetto-Geländes erst ab 2014 zu sehen sein. „Wir starten aber bereits jetzt mit Workshops für Schüler und Studenten, mit Konzerten und öffentlichen Debatten.“ Für all das bieten die Hightech-Hörsäle des 4000 Quadratmeter großen Museums viel Platz. „Es gibt in Polen wenig Wissen über jüdische Kultur. Das zu ändern, ist unsere Mission“, erklärt Kossobudzki. Auf dem blassen Gesicht des hageren jungen Mannes zeichnen sich rote Flecken ab, die von Leidenschaft für seine Sache zeugen.

„Wir wollen mit unserer Präsentation niemanden traumatisieren“, versichert der Museumssprecher. Zu viel Tod ist nicht gewollt. Wer dem Projekt Böses wollte, könnte auf einen tückischen Gedanken verfallen: Werden in diesem nagelneuen Bau womöglich die Geschichte und das jüdische Sterben in Kunststoffe verpackt und vom Leben getrennt? Es wäre das Gegenteil dessen, was dieses Museum erreichen will, in dessen Beirat so untadelige Männer und Frauen mitwirken wie der Auschwitz-Überlebende und ehemalige Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, der Regisseur Andrzej Wajda und Warschaus Oberbürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Waltz.

Reich geschmückt: Diese historische Decke einer Synagoge wir Teil der Dauerausstellung. (Foto: Jüdisches Museum)

Diese Deckenmalerei einer Synagoge wird Teil der Dauerausstellung. (Foto: Jüdisches Museum)

Das Urteil über die Ausstellung wird die Zeit fällen. Unstrittig ist, dass es im boomenden Warschau des Jahres 2013 tatsächlich wenig Wissen über jüdische Geschichte und Kultur gibt. Es gibt auch nur noch wenige Juden in der polnischen Hauptstadt. Vor dem Krieg, den die Deutschen entfesselten und in einen Vernichtungszug durch Europa verwandelten, wohnten in Warschau rund 400.000 Juden. Sie stellten ein Drittel der Bevölkerung und erfüllten vor allem das spätere Ghetto-Gelände im Stadtteil Muranow mit brodelndem Leben. Heute gibt es in ganz Polen nur noch rund 20.000 Juden. Muranow hat sich in ein eher tristes Viertel verwandelt. Die Kommunisten ließen auf den Ruinen des Ghettos Zweckbauten errichten.

Eine einzige von einst über 100 Synagogen ist Warschau geblieben. Das unscheinbare Haus im Süden des ehemaligen Ghettos fügt sich in das Ensemble rund um den Grzybowski-Platz, der vor dem Krieg ein Zentrum jüdischen Lebens war. Etwas versteckt, gegenüber der monumentalen Allerheiligen-Kirche, führt dort eine schmale Passage in ein Atriumhaus. Es beherbergt das Jüdische Theater, das in der polnischen Hauptstadt einen hervorragenden Ruf genießt. Hier riecht alles alt. Einigen Holzpfeilern entströmt ein harziger Duft. Manches wirkt auch etwas muffig, wie die gehäkelten Halbgardinen in dem kleinen Nebenraum, in dem sich an jedem zweiten Donnerstag im Monat die „Kinder des Holocaust“ treffen.

Die meisten der Damen und wenigen Herren sind um die 80 Jahre alt. Vor allem die Frauen legen zu diesem Anlass sichtbar Wert auf ihr Äußeres. Viele tragen modische Hüte und farbige Kleider. Die „Kinder“ sind ein Verein von Holocaust-Überlebenden und ihren Angehörigen, der kulturelle Veranstaltungen und Reisen organisiert, aber auch therapeutische Hilfe für jene, die das Grauen des Krieges und der Judenverfolgung nicht loslässt.

An diesem Donnerstag sitzen die „Kinder“ im Jüdischen Theater und lauschen der Geschichte von Wanda Wilkomirska. Die 84-Jährige gehörte einst zu den berühmtesten Geigerinnen Polens. Sie erzählt, wie sie während einer Probe von ihrer Mutter erfuhr, dass sie Jüdin sei. Sie sagt, dass sie mit keiner Kirche „etwas am Hut“ habe, weil „alle behaupten, allein im Recht zu sein“. Oft scherzt sie. Die Zuhörer lachen dann gelöst, denn es geht hier nicht nur um Tod und Schrecken, sondern auch um Liebe und Musik.

Krystyna Budnicka (Foto: Krökel).

Krystyna Budnicka (Foto: Krökel).

Nicht jeder der Überlebenden will 70 Jahre nach dem Ghetto-Aufstand noch einmal berichten, was er oder sie erlitten hat. Krystyna Budnicka hat für sich eine andere Entscheidung getroffen. „Ich glaube, dass es wichtig ist, Zeugnis abzulegen“, sagt die 81-Jährige und bittet hinüber in den überdachten kleinen Innenhof des Theaters, in dem einige Kaffeehaustische stehen. „Die Geschichte meines Lebens ist eine Geschichte von Verlusten“, hebt sie an. Budnicka erzählt lebhaft. Die dunklen Augen unter dem dichten grauen Haar funkeln voller Energie.

„Ich war sieben Jahre alt, als der Krieg begann, das jüngste Kind von acht Geschwistern“, rechnet Budnicka vor. Als sie 1943 die Flucht aus dem Ghetto überlebt, bleibt sie ohne Familie zurück. Die einzige Schwester, die sechs Brüder und die Eltern werden entweder in Treblinka vergast, oder sie sterben während des Aufstandes an Hunger, Krankheit, durch Verrat oder im Kampf. „Ich wurde zu einer Waise. Im Ghetto war ich noch ein beschütztes Kind. Ich hing immer an irgendeiner Hand von Erwachsenen“, erzählt Budnicka, die bis heute „eine diffuse Schuld“ spürt, überlebt zu haben.

Anfang 1943 bauen die Brüder einen Kellerbunker im Ghetto, der über einen Tunnel mit der Kanalisation verbunden ist. „Dort habe ich neun Monate lang im Untergrund gelebt“, berichtet Budnicka. „Als der Aufstand tobte, haben die Nazis draußen alles mit Benzin übergossen und angezündet. Ich habe nichts von all dem gesehen, aber ich habe die unerträgliche Hitze gespürt. Im Bunker saßen wir wie in einem Steinofen. In die Kanäle konnten wir nicht fliehen, weil die Deutschen dort Gasgranaten hineinwarfen. Viele von uns hielten es nicht aus und krochen auf die Straße, wo die Nazis mit Pistolen in der Hand warteten und sie alle erschossen.“

Erst im Herbst 1943, als der Ghetto-Aufstand schon längst niedergeschlagen ist, schleppen Helfer das damals elfjährige Mädchen in einem Kartoffelsack „auf die arische Seite“, wie es Budnicka formuliert. Sie sieht mit an, wie die Nazis Warschau 1944 in Schutt und Asche legen. Dem Hass auf die Deutschen verweigert sich Budnicka dennoch. „Was soll dabei herauskommen? Rachedurst führt immer ins Nichts“, sagt sie. Vor dem geistigen Auge des Zuhörers taucht der Abgrund auf, den die Halle im Jüdischen Museum symbolisiert.

Im Atrium des Theaters wird es still. Lange werden die Stimmen der alt gewordenen Kinder des Holocaust nicht mehr zu hören sein. Die Erinnerung und das Gedenken werden dann endgültig abwandern, aus dem altertümlich riechenden Nebenraum des Jüdischen Theaters in das noch steril wirkende Museum am Ghetto-Mahnmal. Man kann sich nur wünschen, dass dort der Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart über die Abgründe der Geschichte hinweg gelingt.

 

In Kürze: Das Ghetto, der Aufstand und die Vernichtung
Die Nazis setzten ihre Rassenpolitik in Polen sofort nach dem siegreichen Feldzug von 1939 um. Die deutschen Besatzer machten Jagd auf polnische Juden und ließen sie ab 1941 in Vernichtungslagern wie Auschwitz massenhaft ermorden. In zentralen Teilen des stark jüdisch geprägten Warschau richteten die Nazis im Oktober 1940 einen gesonderten Wohnbezirk ein, den sie mit einer Mauer umgaben und unter Verzerrung mittelalterlicher Traditionen als Judenghetto bezeichneten. Ziel war die Kontrolle der jüdischen Bevölkerung und ab 1941/42 ihre planmäßige Deportation in die Todeslager. Ähnliche, meist aber kleinere Ghettos errichteten die Nazis in mehr als 1000 Städten Osteuropas.

Im Warschauer Ghetto pferchten die Besatzer phasenweise mehr als eine halbe Million Menschen zusammen. Schon bald grassierten Hunger und Seuchen, an denen viele Bewohner starben. Im Laufe des Jahres 1942 schickten die Nazis mehr als 300.000 Juden aus Warschau in die Gaskammern von Treblinka. In dieser verzweifelten Lage beschloss die Führung der verbliebenen Ghetto-Juden Anfang 1943, einen Aufstand zu wagen. Mit wenigen, von polnischen Partisanen eingeschmuggelten Waffen überfielen die Kämpfer am 19. April 1943 eine mehrere Hundert Mann starke SS-Einheit. Dem Überraschungscoup folgten tagelange einseitige Kämpfe. Allerdings gelang es den übermächtigen Deutschen erst Mitte Mai, den Widerstand endgültig zu brechen. Sie brannten das gesamte Viertel nieder und löschten es aus.

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