Der größte Papst der Welt

Erst der XXL-Jesus in Swiebodzin, nun der Mega-Pontifex von Tschenstochau: In Polen treibt der religiöse Gigantismus sonderbare Blüten. Doch die Geschichte des neuen Riesenpapstes hat auch eine sehr bewegende Seite. Der Stifter Leszek Lyson rettete vor vier Jahren seinen Sohn vor dem Ertrinken und will seinem „Schutzengel“ Johannes Paul II. mit dem Denkmal danken.

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Mai 2011: Ein gigantisches Mosaik an der Warschauter Nationalkirche zeigt Johannes Paul II. (Foto: Krökel)

Höher, schwerer, wuchtiger: Wenn es um religiösen Rekordeifer geht, ist den Menschen im katholischen Polen keine Herausforderung zu ehrgeizig. Erst ließ ein Pfarrer namens Sylwester vor drei Jahren im westpolnischen Świebodzin die größte Jesus-Figur der Welt errichten und stieß damit den berühmten Christus auf dem Corcovado in Rio de Janeiro vom Rekordsockel. Nun stellen Fiberglas-Spezialisten im legendären Wallfahrtsort Tschenstochau, 120 Kilometer nordwestlich von Krakau, die global größte Papst-Statue auf.

Wie selbstverständlich stellt die Figur den 2005 verstorbenen Karol Wojtyla alias Johannes Paul II. dar, den ersten und bislang einzigen Polen auf dem Heiligen Stuhl. Bereits bei dessen Seligsprechung vor zwei Jahren hatten Katholiken an der monumentalen Warschauer Nationalkirche das größte Papst-Mosaik aller Zeiten enthüllt. 100.000 Fotos von Gläubigen fügten sich damals auf der Fläche eines halben Fußballfeldes zusammen.

Der XXL-Jesus in Świebodzin wiegt mit seinen 36 Metern Höhe fast so viel wie ein Riesenairbus A 380. Dagegen nimmt sich der Papst in Tschenstochau trotz seiner weit zum Segen ausgebreiteten Arme regelrecht bescheiden aus. Mit rund 14 Metern Höhe schafft die Figur aber vermutlich dennoch den Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde. Woher rührt und wozu dient dieser religiöse Gigantismus? Geht es um Geld oder Glauben?

„Unsere weltgrößte Papst-Statue ist doch ein Nichts im Vergleich zu dem Denkmal, das sich Johannes Paul II. mit seinem Leben und Wirken selbst gesetzt hat“, erklärt Leszek Lyson demütig und rückt im Gespräch mit der Zeitung „Gazeta Wyborcza“ die Maßstäbe zurecht. Lyson leitet den „Park sakraler Miniaturen“ auf dem Goldenen Berg in Tschenstochau. Dort wird der alles überragende Pontifex an diesem Samstag geweiht. Die Statue sei groß und großartig, lautet Lysons Botschaft, aber eben Menschenwerk und damit klein vor Gott. „Wir wollen ein Zeichen setzen, keine Maschine zum Gelddrucken betreiben“, beteuert er.

Wer Lysons Geschichte kennt, muss ihm seine lauteren Motive einfach abnehmen. Seine Familie kannte den Papst aus dessen Heimat Wadowice bei Krakau persönlich, und Leszek Lyson vertraute Johannes Paul II. und seiner Wunderkraft auch nach dem Tod des Pontifex. Als vor vier Jahren, am 13. April 2009, sein damals zehnjähriger Sohn bei einem Urlaub in Kroatien im Meer zu ertrinken drohte, stürzte sich Lyson kurzentschlossen in die Fluten und zog ihn an Land. Der Junge überlebte.

Für Lyson kam die Rettung einem Wunder gleich. „Ich habe damals beschlossen, aus Dankbarkeit eine Papst-Statue zu stiften“, erklärt er der „Gazeta Wyborcza“. Es sei ihm nie darum gegangen, gezielt nach einem Guinnessrekord zu streben, versichert Lyson.

Anders präsentieren sich die Macher des Menschenwerks. Die Firma Malpol aus dem westpolnischen Nowa Sól hat die Mega-Miniatur gefertigt. „Unsere Spezialisten, die sonst unter anderem im Brückenbau tätig sind, haben eine fünf Tonnen schwere Stahlkonstruktion  mit Fiberglas umhüllt. Das Material ist so beschaffen, dass die Statue Wind und Wetter trotzen wird“, erläutert Malpol-Sprecher Marcin Walasek voller Stolz. Ruhm, Ehre und nicht zuletzt das lukrative Geschäft dürften die  Arbeiter zusätzlich angetrieben haben.

In Tschenstochau allerdings, dem wohl katholischsten Ort im katholischen Polen mit seinen 94 Prozent bekennenden Gläubigen, teilen längst nicht alle Menschen Walaseks Euphorie. Im Internet macht eine Facebook-Initiative mobil, die unter dem Titel „Der Papst zeigt Tschenstochau den Rücken“ firmiert.

Die Aktivisten und ihre rund 600 Anhänger protestieren vordergründig gegen die Position der Statue: Wojtylas milde lächelndes Gesicht ist der Stadt abgewandt. „Das ist eine Katastrophe“, zitieren die Netzwerker einen Architekten. Aber es geht den Kritikern auch um die Rollenverteilung von Kommerz und Religion. „Hinter Johannes Pauls Rücken werden sie vermutlich Fast-Food-Restaurants eröffnen“, kommentiert ein Nutzer.

Leszek Lyson seinerseits ist froh, dass der Miniaturen-Park, der vor zwei Jahren seine Pforten öffnete und außer zahlreichen religiösen Figuren auch eine Kletterlandschaft bietet, „eine weitere Attraktion“ bekommt. Gänzlich fremd ist dem Unternehmer das Geschäft mit dem Papst dann doch nicht. Allerdings hatten die Befürworter des weltgrößten Jesus in Swiebodzin ähnlich argumentiert. Der erwartete Ansturm von Touristen blieb in dem Provinzstädtchen bei Posen bislang jedoch aus.

Das könnte im Wallfahrtsort Tschenstochau anders werden. Bei Facebook erinnert Nutzer Patryk Sobanski daran, dass Tschenstochau „die Hauptstadt des polnischen Glaubens ist, weil dort die Königin Polens beheimatet ist“. Gemeint ist die weltberühmte Schwarze Madonna im Kloster auf dem Hellen Berg, zu der jährlich mehr als drei Millionen Gläubige nach Tschenstochau pilgern.

Die Ikone wird in Polen als wichtigste religiöse Reliquie, aber auch als nationales Symbol verehrt. Im 17. Jahrhundert sollen Mönche die Madonna nördlich von Krakau gegen die anrückende schwedische Armee ins Feld geführt und ihre Heimat erfolgreich verteidigt haben. Kurz darauf erklärte König Kazimierz die Muttergottes zur „Königin Polens“.

Johannes Paul II. pilgerte schon wenige Monate nach seiner Wahl zum Papst im Jahr 1978 nach Tschenstochau. Nun kehrt er als Fiberglas-Statue zurück. Ob der Mann, der die Geringfügigkeit des Menschen vor Gott 2005 in seinem öffentlichen Sterben vorführte, mit dem polnischen Glaubens-Gigantismus einverstanden wäre? Ein Facebook-Nutzer ist sich sicher: „Er wird sich im Grabe umdrehen.“

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