Von russischen Lügen und polnischen Sünden

Drei Jahre nach der Flugzeugkatastrophe von Smolensk erhitzt neuer Streit die Gemüter zwischen Warschau und Moskau. Polen möchte im Westen Russlands, wo 2010 die Präsidentenmaschine mit Staatschef Lech Kaczynski an Bord abstürzte, ein Mahnmal errichten. Russland reagiert reserviert und desinteressiert. Unterdessen blühen weiter die Verschwörungstheorien zu der Katastrophe.

Fjodor Lukjanows verbale Stoßseufzer kommen spürbar von Herzen. „Wir Russen verstehen nicht, was ihr Polen andauernd von uns wollt“, erklärt der außenpolitische Berater des Kreml im Interview mit der Warschauer Zeitung „Gazeta Wyborcza“. Seinem Gesprächspartner schreibt er einen bemerkenswerten Satz ins Stammbuch: „Sie begehen die Sünde der Egozentrik, die für die Menschen in unserem Teil Europas typisch ist.“ Für die Russen seien „die polnischen Angelegenheiten beileibe nicht das Wichtigste“, stellt Lukjanow klar und fragt entnervt: „Warum sollen wir uns denn mit der Rückgabe des Kaczynski-Wracks beeilen?“

Kurz vor dem dritten Jahrestag der Flugzeugkatastrophe von Smolensk kochen zwischen den „Erbfeinden“ in Warschau und Moskau die Emotionen hoch. Beim Absturz der polnischen Präsidentenmaschine im Westen Russlands waren am 10. April 2010 alle 96 Menschen an Bord ums Leben gekommen, darunter Staatschef Lech Kaczynski und viele andere hochrangige Repräsentanten der Nation. Sie waren ausgerechnet auf dem Weg nach Katyn, um der Toten mehrerer sowjetischer Massaker an polnischen Kriegsgefangenen im Jahr 1940 zu gedenken.

Das Menschheitsverbrechen entzweit Polen und Russen seit Jahrzehnten. Die sowjetische Geheimpolizei hatte 1940 auf Befehl Stalins und seiner engsten Vertrauten rund 22.000 Angehörige der polnischen Eliten erschossen, die sich nach dem Einmarsch der Roten Armee 1939 in Gefangenschaft befanden. Die deutsche Wehrmacht entdeckte das erste Massengrab 1943 in Katyn bei Smolensk. Weitere Mordstätten fanden sich in der Ukraine und Weißrussland. Nazis und Sowjets machten sich in einer Propagandaschlacht wechselseitig für das Massaker verantwortlich.

Auch nach Kriegsende hielt Moskau an der Version fest, Hitler habe die Polen auf dem Gewissen. Das kremltreue kommunistische Regime in Warschau erklärte das Thema zum Tabu, das sich für zehntausende polnische Opfer-Angehörige zum Trauma entwickelte. Erst nach dem Umsturz von 1989-91 übernahm Russland die Verantwortung für die Tat. Bis heute hat die Regierung in Moskau allerdings die unmittelbare Verstrickung Stalins und der Staatsführung in den Massenmord nicht anerkannt. Beim Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg sind wegen der schleppenden Aufarbeitung Klagen von polnischen Opferangehörigen gegen die russischen Behörden anhängig.

Vor diesem Hintergrund galt der Kaczynski-Besuch im April 2010 als besonders heikel, und so kann es kaum verwundern, dass bald nach der Katastrophe erste Verschwörungstheorien von einem Anschlag auf die Präsidentenmaschine auftauchten. Patriotisch gesinnte Polen sprechen bis heute von Mord und vermuten die Drahtzieher im Kreml. Die russischen Ermittler ihrerseits halten das Wrack der Unglücksmaschine und weitere wichtige Beweismittel unter Verschluss.

All das sorgt für außenpolitischen Sprengstoff, an den von beiden Seiten immer wieder Lunten gelegt werden – ob bewusst oder „unbeabsichtigt“, wie Lukjanow dies für Russland in Anspruch nimmt. Zuletzt allerdings zündelte die Moskauer „Iswestija“. Die kremlnahe Zeitung berichtete in der vergangenen Woche, Polen wolle in Smolensk ein gigantisches Mahnmal von der fünffachen Größe des Roten Platzes errichten. „Lüge“ und  „Verleumdung“ schallte es sogleich aus dem polnischen Blätterwald zurück. Die konservative „Rzeczpospolita“ ließ einen Völkerrechtler zu Wort kommen, der eine Protestnote des polnischen Außenministeriums verlangte.

Richtig ist, dass Polens Kulturministerium Pläne für eine Gedenkstätte in Smolensk von beachtlicher Größe hegt. 115 Meter Länge nennt Ministeriumssprecher Maciej Babczynski als Idealmaß. An den Roten Platz wird das Mahnmal damit nicht heranreichen. Aber derartige Vergleiche verstellen ohnehin nur den Blick auf das eigentliche Problem: Die russische Regierung tut wenig, um den polnischen Wünschen nach einer angemessenen Erinnerungsstätte Rechnung zu tragen. Vor zwei Jahren war es bereits einmal zu einem Skandal gekommen, als russische Behörden in Smolensk eine provisorische Gedenktafel entfernten.

„Mit euren Angelegenheiten befasst sich in Moskau niemand näher“, gibt Kremlberater Lukjanow zu Protokoll. Diese Geringschätzung empört viele patriotische Polen zutiefst. Allein Regierungschef Donald Tusk versucht regelmäßig, die Wogen im Verhältnis zu Russland zu glätten. Allerdings kämpft der Premier im Smolensk-Streit in einem nahezu aussichtslosen Zweifrontenkrieg. In der Heimat lässt die nationalkonservative Opposition um Jaroslaw Kaczynski, den Zwillingsbruder des tödlich verunglückten Präsidenten, keine Gelegenheit aus, um Tusk als Landesverräter anzuprangern.

So wird es auch am dritten Jahrestag der Katastrophe sein, für den die Kaczynski-Partei PIS einen Aufmarsch in Warschau plant. Der Parteichef selbst will zwei Reden halten. Bereits im Vorfeld der Kundgebungen erinnerte Kaczynskis „Kettenhund“ Antoni Macierewicz, der eine eigene PIS-Kommission zur Smolensk-Katastrophe leitet, an angebliche Belege für eine Explosion an Bord der Präsidentenmaschine. „Zeugen bestätigen das“, behauptet Macierewicz. Für den Jahrestag kündigte er einen 200-seitigen Bericht mit neuen Beweisen an.

Die Zeugen, um die es geht, kommen auch in einem Enthüllungsfilm der rechtskonservativen Publizistin Anita Gargas, zu Wort, den das polnische Staatsfernsehen TVP am Montag zeigte. Zuvor strahlte TVP allerdings eine Dokumentation des Wissenschaftssenders „National Geographic“ aus, der die Geschichte des Unglücks – nicht eines Anschlags – anhand der bekannten Fakten nacherzählt. Gargas dagegen präsentierte durchaus eindrucksvoll die wichtigsten Argumente für die Mordtheorie. „Wir werden nichts verschweigen, wir wollen diskutieren“, erklärte TVP-Chef Juliusz Braun. Er bestreitet, mit dem Themenabend Öl ins Feuer gegossen zu haben.

Fakt ist: Jeder dritte Pole glaubt mittlerweile daran, dass Lech Kaczynski 2010 gezielt getötet wurde. Gestützt wird die These von verwirrenden TNT-Funden am Wrack der Präsidentenmaschine, für die es auch ein halbes Jahr nach der Entdeckung noch immer keine hinreichende Erklärung gibt. Tatsache ist aber ebenfalls: Bei näherem Hinsehen spricht alles gegen die Theorie von einem Sprengstoffanschlag. Weder die Bruchstellen des Wracks noch die Art der Verletzungen an den Leichen lassen Rückschlüsse auf eine Explosion an Bord zu. Zudem hat der Flugschreiber keine Detonation aufgezeichnet. Dauerhafte Erschütterungen der polnischen Innenpolitik und des polnisch-russischen Verhältnisses hat die Katastrophe dennoch ausgelöst.

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