Das Ende einer Freundschaft

Immer mehr deutsche Politiker und Kommentatoren sind davon überzeugt, dass der russische Präsident Wladimir Putin eher ein lupenreiner Despot als ein Demokrat ist. Vor einem Besuch in Deutschland gab der Kremlchef in einem ARD-Interview das Bild eines von Kritik gekränkten, aggressiven Politikers ab, der sich nicht einmal zu schade war, einen harmlosen und völlig überforderten Gesprächspartner verbal niederzukartätschen. Ein Kommentar.

Wladimir Putin ließ tief blicken. Vor seinem Besuch in Deutschland gewährte der Kremlchef der ARD ein Interview – und kehrte dabei ungewollt sein weidwundes Inneres nach außen. Der von westlicher Kritik gekränkte Präsident schlug verbal um sich.

Auf die Frage nach den jüngsten Razzien bei Menschenrechtsgruppen und deutschen Stiftungen in Russland nahm er die USA ins Visier. Dort seien derartige Fahndungen seit 1938 gängige Praxis, behauptete er und verglich Äpfel mit Birnen. Fakt ist: Die Buchstaben der Gesetze sind das eine. Die aggressive Einschüchterungsstrategie, mit der russische Behörden Oppositionelle jeglicher Couleur bekämpfen, ist etwas ganz anderes. Derartiges gibt es in den USA nicht.

Offenkundig ist vor allem eines: Der ehemalige Geheimdienstler Putin sieht sich und sein Reich vom Westen eingekreist und unterwandert. 654 Organisationen hat der Präsident in Russland ausgemacht, in denen er „ausländische Agenten“ wittert. Und nun auch noch kritische Fragen aus Deutschland!

Putin liebt und bewundert das Land, in dem er lange gelebt hat und dessen Sprache er beherrscht. Das Misstrauen in Deutschland verletzt den Russen, es enttäuscht ihn – und es trifft auf den tief verwurzelten Komplex des Verlierers im Kalten Krieg. Putins hochmütig geführtes Interview, in dem er seinen komplett überforderten Gesprächspartner unnötig vorführte („Wie heißen Sie übrigens?“), war bei genauerem Hinsehen ein einziger Schrei nach Anerkennung.

Der Kremlchef wird diese Achtung aus Deutschland nicht länger bekommen. Die schnell wachsende Enttäuschung ist beidseitig. Nirgendwo könnte dies deutlicher werden als in Hannover, wo Putin einst mit Altkanzler Gerhard Schröder eine Männerfreundschaft zelebrierte. Angela Merkel dagegen wird den Kremlchef nur noch aus diplomatischer Not heraus ertragen – und ihren Job als Türöffnerin der deutschen Wirtschaft machen.

Die Geschäfte zwischen Deutschland und Russland gehen glänzend. Das Märchen vom (demokratischen) Wandel durch Handel ist jedoch längst auserzählt. Nach dem Ende des Kalten Krieges verbanden viele Deutsche mit Russland große Hoffnungen. So war es auch umgekehrt. Das Dumme ist nur: Die Deutschen träumen von Frieden und Demokratie, viele Russen von Ruhm und Größe. Politiker in Berlin nennen Putin inzwischen einen Despoten. Sie tun es zu Recht.

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