Zurück in die Zukunft

Lange Zeit stand die Musik in Polen im Schatten der Politik. Nun aber spielen und singen sich vor allem viele Folkgruppen aus dem langen Schatten des Kommunismus. Beim Volk hat es die Volksmusik allerdings noch immer schwer. Das deutsche Publikum kann sich in diesem April bei der Folkbaltica 2013 einen Eindruck von der Szene im Partnerland Polen verschaffen.

Mit der Geige auf dem Marktplatz: Jan Gaca  in Aktion. (Fotos: Baliszewska)

Mit der Geige auf dem Marktplatz: Jan Gaca in Aktion. (Foto: Baliszewska)

Jan Gaca ist ein alter Mann. Tiefe Furchen durchziehen sein Gesicht. Im Mai feiert er seinen 80. Geburtstag. Die Falten zeugen von gelebtem Leben. Vorbei jedoch ist nichts. Sobald Gaca seine Geige in Händen hält, schwingt im Dreiertakt der Mazurka eine ruhige, stetige Energie durch den schmächtigen Körper. Der Alte scheint zu neuem Leben zu erwachen. Und seine Musik hat die Kraft, die Zuhörer zu Gesang und Tanz zu erwecken. So zeigen es Aufnahmen vom Warschauer Folkmusik-Festival „Alle Mazurkas dieser Welt“.

Knapp ein Jahr ist das her. Gaca sitzt auf einem Holzschemel, schlägt die Beine übereinander und lässt unter der traditionellen Landarbeitermütze ein kurzes, schüchternes Lächeln erkennen. Dann spielt er und spielt und scheint ganz Musik zu sein. „Keiner hat den wiegenden Takt der Mazurka so verinnerlicht wie er. Gaca ist die Inspirationsquelle nahezu der gesamten gegenwärtigen Folkmusik in Polen“, sagt Maria Baliszewska. Die langjährige Radiomoderatorin kennt die Szene wie kaum jemand sonst im Partnerland der Folkbaltica 2013, zu der in knapp zwei Wochen auch Jan Gaca anreisen wird.

Baliszewska trifft sich zu Gesprächen am liebsten im Café „Jenseits von Afrika“ am Rande der Warschauer Altstadt. Volkskunst vom schwarzen Kontinent ziert dort die Wände. Das Ambiente ist ein idealer Hintergrund für Baliszewskas Erzählungen über das, was sie gern polnische Volksmusik nennen würde – wäre der Begriff nicht „vergiftet“. Vier Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft wirken auch 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges noch nach. Gaca zog sich damals als Kirchendiener in einen geschützten Raum zurück und spielte traditionelle Musik öffentlich nur zu festlichen Anlässen wie Hochzeitsfeiern. Seine „Karriere“ begann erst, als er sich pensionieren ließ.

„Unser Staat hieß bis 1989 Volksrepublik Polen“, sagt Baliszewska, um die historische Erinnerung wachzurufen. „Die Herrschenden haben die Volksmusik zu einem Propagandainstrument gemacht. Künstlich geschaffene Gruppen und Interpreten sangen angeblich traditionelle Arbeiter- und Bauernlieder und brachten die Volksmusik beim Volk in Verruf.“ Folk hat es beim polnischen Publikum deshalb bis heute schwer. „Viele meiner Landsleute rümpfen schon bei dem Wort Volksmusik die Nase“, ergänzt Baliszewska.

Alles überragend: Der Warschauer Kulturpalast. (Foto: Krökel)

Verwundern kann das kaum. Welche Wucht die Ideologie einst entfaltete, lässt sich bis heute an dem monumentalen stalinistischen Kulturpalast im Zentrum von Warschau ablesen. Der 230 Meter hohe Betonklotz drückt der Stadt ihren architektonischen Stempel auf. Die „Warsaw Village Band“ setzt dazu einen Kontrapunkt. „Die Kapelle aus dem Dorf Warschau“, wie der zweite, original polnische Name der Gruppe in direkter Übersetzung lautet, kommt ebenfalls zur Folkbaltica nach Flensburg.

Die derzeit sieben Warschauer Musiker leben in und mit der Großstadt, doch sie sehen in den Metropolen der globalisierten Welt zugleich eine Bedrohung für die traditionelle Kultur und Kunst. „Sie suchen immer das Neue in Anbindung an das Alte“, erklärt Maria Baliszewska über die mit Abstand populärste polnische Folk-Band. Weltweit geben die „Dörfler“ aus der Hauptstadt Konzerte und verkaufen Platten. Der internationale Erfolg hindert sie jedoch nicht daran, „zum Kern der polnischen Musik vorzustoßen“, wie Baliszewska sagt.

Dieser Kern ist die Mazurka, und ihr Vollender war der Jahrhundertkomponist Frédéric Chopin (1810-1849). Der Klavier-Virtuose, der bei Warschau geboren ist, aber lange im Pariser Exil lebte, hat die traditionelle polnische Tanzmusik zu Weltruhm geführt. „Seine Mazurkas waren stets von der Sehnsucht nach der Heimat geprägt“, erklärt Baliszewska. Auf seinen eigenen Wunsch hin wurde Chopins Herz, vom Körper getrennt, in Warschau beigesetzt.

Kleine Großpolin: Nachwuchssängerin bei einem Folk-Festival in der Wojewodschaft Wielkopolskie. (Fotos: Baliszewska)

Kleine Großpolin: Nachwuchssängerin bei einem Folk-Festival in der Wojewodschaft Wielkopolskie. (Fotos: Baliszewska)

Das Herz der polnischen Musik, das im Kommunismus zu verstummen drohte, wieder zum Klingen zu bringen – danach streben nicht nur klassische Orchester, sondern auch Folkgruppen. „Wir sind dabei, das Alte neu aufzubauen, damit sich die Menschen frisch in diese Musik verlieben können“, sagt Baliszewska und erläutert: „Die Chopin-Tradition macht den Unterschied zwischen polnischem Folk und allen anderen Richtungen der Weltmusik aus. Mazurkas sind schwierig. Der Dreiertakt darf weder zu schnell noch zu langsam gespielt werden.“ Eben wie bei Jan Gaca.

Die „Warsaw Village Band“ führt den „Dialog mit Chopin“, von dem Baliszewska spricht, auf ihre sehr eigene Weise. Die Musiker selbst sprechen von Hardcore-Folk. Baliszewska beschreibt die Klänge als „scharf, aggressiv und modern“. Da sind die drei Frauen mit ihrem „Schreigesang“. In der traditionellen polnischen Musik ist von „weißen Stimmen“ die Rede. Und da gibt es Instrumente wie die einst fast ausgestorbene Suka, ein Saiteninstrument wie eine Fiddle. Tradition und Moderne: Die Band, so scheint es, strebt ständig zurück in die Zukunft.

Auch Jan Gaca hat trotz seiner fast 80 Jahre das Kommende im Blick. Nichts genießt er so sehr wie die Arbeit mit Nachwuchsmusikern. „Er hat eine ganze Schule geprägt“, sagt Baliszewska. Zur Folkbaltica reist Gaca gemeinsam mit einem jungen Freund, dem Geiger Marek Zurek, an, der zugleich alle traditionellen Schlaginstrumente beherrscht. Und auch Janusz Prusinowski, der nominell mit seinem „Trio“ nach  Flensburg kommt, das in Wahrheit aus fünf Musikern besteht, ist ein Gaca-Schüler.

„Diese Musik klingt nach der Wildnis des polnischen Dorfes, des masowischen Landlebens“, erklärt Baliszewska. Masowien an der mittleren Weichsel ist neben den südpolnischen Bergregionen jene Landschaft, in der die polnische Volksmusik ihren Ursprung hat. Prusinowski sei „ganz nah an diesem Ursprung“, sagt Baliszewska. Es ist ein „Revival“ – eine Wiederbelebung nach den schwierigen Jahrzehnten unter dem Joch der „roten Dirigenten“. Aber es ist auch so etwas wie eine neue, eine junge Liebe.
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Stichwort: Chopin und seine Mazurkas
Am Anfang war Chopin. Das Jahrhundertgenie – 1810 im Dorf Zelazowa Wola bei Warschau geboren – hat die polnische Musik geprägt wie kein zweiter Komponist. Frédéric, der schon als Siebenjähriger brillant Klavier spielte, war der Sohn eines französischen Sprachlehrers und einer polnischen Adligen. Der Kampf gegen die russische Besatzung trieb Chopin ins Exil nach Paris. Dort schrieb er, fast wahnsinnig vor patriotischem Schmerz, seine legendäre „Revolutionsetüde“, aber auch viele andere, von Nationalstolz und Heimatliebe geprägte Stücke.
Stilbildend wurden vor allem Chopins Mazurkas, deren Geheimnis im mal gemäßigten, mal rascheren Tempo des Dreiertakts liegt. Rund 60 dieser traditionellen Tanzmusiken, die er zu Glanzlichtern der Klassik weiterentwickelte, schrieb Chopin in Paris. Dort starb er 1849 an den Folgen einer Tuberkulose. Sein Herz wurde, wie in seinem Testament verfügt, in der Warschauer Heiligkreuzkirche beigesetzt.

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