Weniger ist mehr (Teil 1): Berechtigte Fragen

Europa steckt in der Krise. Das weiß jeder, und das sagt auch jeder. Aber warum ist das so? Und muss das so bleiben? EU-Politiker empfehlen als Allheilmittel gegen den Untergang meist „mehr Europa”, ohne im Einzelnen zu sagen, was sie damit meinen. Die meisten Bürger des Kontinents dagegen wollen eher weniger Euorpa. Was also ist zu tun, um eine großartige Idee zu retten? Erster Teil einer Blog-Reihe aus einer östlich geprägten Perspektive.

Freie Fahrt im Niemandsland: Ein Stück Europa an der deutsch-polnischen Grenze bei Stettin. (Foto: Krökel)

Freie Fahrt selbst im Niemandsland: Ein Stück Europa an der deutsch-polnischen Grenze bei Stettin. Wohin führt der Weg des Kontinents? (Foto: Krökel)

Bald ist wieder Europatag. Aber damit fängt das Dilemma schon an. Es gibt nämlich zwei Europatage. Der 5. Mai verweist auf die Gründung des Europarates. Der 9. Mai erinnert an eine Rede des französischen Außenministers Robert Schuman, die gemeinhin als Geburtsstunde der Europäischen Gemeinschaft verstanden wird. Heute heißt das Gebilde EU.

In meinen Grundschulzeiten – also in den 70er Jahren – ließ uns die Lehrerin jeweils am 5. Mai um einen Flaggenmast tanzen, an dem eine Europaflagge wehte. Das war gut gemeint und wirkte. Ich war und bin ein großer Fan der europäischen Idee.

Es ist grandios, fast 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ohne Grenzkontrollen von Tallinn in Estland nach Lissabon in Portugal fahren zu können. Und ich finde es auch gut, in beiden Städten mit dem Euro bezahlen zu können. Krise hin oder her.

Dennoch gibt DIE KRISE, wie es so unschön allzusammenfassend heißt, auch mir zu denken. Da ist zum Beispiel die Nachricht, dass inzwischen zwei Drittel der einst in Europa-Euphorie schwelgenden Polen gegen die Einführung des Euro in ihrem Land sind. Viele Kroaten, deren Staat im Sommer 28. EU-Mitglied wird, fürchten vor allem Nachteile durch den Beitritt. Ukrainer und Türken fragen sich zunehmend, ob sie die Annäherung an Brüssel eigentlich wollen sollen.

Sie fragen zu Recht. Denn so, wie Europa (beziehungsweise die EU) derzeit beschaffen ist, hat der Kontinent keine Zukunft. Gerade aus osteuropäischer Perspektive drängt sich die Vermutung auf, dass weniger mehr sein könnte.

Das beginnt bei den Europatagen, die es gleich im Doppelpack gibt. Und wussten Sie, dass der Europarat, der am 5. Mai gefeiert wird, gar keine EU-Institution ist? Dem Gremium, das gern mit dem Rat der Europäischen Union verwechselt wird, gehören alle Staaten des Kontinents bis auf Weißrussland und den Vatikan an (Diktatoren und Dogmatiker bleiben lieber unter sich).

Wie also könnte ein Europa aussehen, das mit weniger Gestaltungsanspruch mehr gestalten könnte? Fortsetzung folgt…

 

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