„Polenhass statt Versöhnung“

Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ sorgt in Polen für Empörung. In dem Film würden die Freiheitskämpfer der Untergrundarmee AK pauschal als Antisemiten gebrandmarkt, lautet der Vorwurf. Selbst der polnische Botschafter in Berlin hat bereits beim ZDF protestiert. Doch es geht um mehr als um politische und historische Korrektheit.

Denkmal für die Kämpfer der Heimatarmee AK in Warschau. (Foto: Krökel)

Denkmal für die Kämpfer der Heimatarmee AK in Warschau. (Foto: Krökel)

In Polen schwillt in diesen Tagen eine geschichtspolitische Empörungswelle an. Mit großer Zerstörungskraft droht sie über das zuletzt so entspannte deutsch-polnische Verhältnis hereinzubrechen. Auslöser war die Weltkriegstrilogie „Unsere Mütter, unsere Väter“, die das ZDF in der vergangenen Woche zeigte. „Wer erklärt den Deutschen, dass die polnische Untergrundarmee AK nicht die SS war?“, fragte allen voran der ehemalige Deutschland-Korrespondent der Zeitung „Gazeta Wyborcza“, Bartosz Wieliński.

Mit seinem Kommentar zu dem Film löste Wieliński ein breites Medienecho in Polen aus. In Internetforen und Blogs wurden sogleich Stimmen laut, die den Stand des deutsch-polnischen Verhältnisses unter anderem mit der Formulierung „notorischer Polenhass statt Versöhnung“ umschrieben. Am Montag zeigte der staatliche Fernsehsender TVP einen kritischen Beitrag zum Thema. Selbst der polnische Botschafter in Berlin, Jerzy Margański, schaltete sich schließlich ein und richtete eine Protestnote an das ZDF.

Was war geschehen? Der zentrale Vorwurf lautet: In der ZDF-Produktion werden Soldaten der polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa/AK), die während der deutschen Besatzung gegen die Nazis und später auch die Sowjets kämpften, als antisemitische Mörderbande dargestellt. So zumindest empfinden es Kritiker wie Wieliński, der in seinem Text noch einmal jene Filmszenen schilderte, in denen AK-Kämpfer Juden ihrem Schicksal überlassen („Sie sind besser tot als lebendig“) und sich an antisemitischen Tiraden ergötzen („Die Juden ertränken wir wie Katzen“).

Wichtig zu erwähnen ist dabei, dass die „Gazeta Wyborcza“ nicht nur die wichtigste seriöse Tageszeitung Polens ist, sondern auch liberal und grundsätzlich deutschfreundlich gesinnt. Es handelt sich bei Wieliński also nicht um einen nationalistischen Scharfmacher aus dem Umfeld der rechtskonservativen PIS-Partei von Ex-Premier Jaroslaw Kaczyński, von dem selten ein gutes Wort über Deutschland zu hören ist.

Wieliński bemüht sich um Fairness. Er wolle gar nicht abstreiten, dass es „Fälle gab, in denen AK-Soldaten Juden ermordet haben“, schreibt er. Ebenso wenig glaubt er, dass „die Deutschen einen Teil der Verantwortung für den Holocaust auf Polen abwälzen wollen“. Über die einseitige Darstellung und die darin zum Ausdruck kommende „Ignoranz“ sind Wieliński und andere Kritiker jedoch aufrichtig empört.

Der Warschauer Historiker Bogdan Musiał, der nach eigenen Angaben von den Filmemachern noch während der Produktion um eine Stellungnahme gebeten worden war, berichtet: „Ich hatte viele Einwände, von denen einige berücksichtigt wurden. Was blieb, hat dennoch meinen tiefen Widerspruch ausgelöst.“

Tatsächlich muss die Frage erlaubt sein, ob es die Aufgabe eines deutschen Weltkriegsfilms, der sich im Titel auf die eigene Geschichte konzentriert („Unsere (!) Mütter…“), sein kann, sich in die historischen Debatten des Nachbarlandes einzumischen – und sei es auch nur über die holzschnittartige Darstellung von Randfiguren.

In Polen wird seit Jahren kritisch über die Rolle der eigenen Bevölkerung im Holocaust diskutiert. Berichte über Massaker an Juden wie 1941 in dem nordostpolnischen Städtchen Jedwabne haben das eigene Selbstverständnis erschüttert. Zuletzt sorgte Ende vergangenen Jahres der Kinofilm „Pokłosie“ (Nachlese/späte Ernte) über ein fiktives polnisches Judenpogrom für helle Aufregung in patriotischen Kreisen.

Spät, aber nachhaltig hat sich in Polen die Erkenntnis durchgesetzt, dass es auf der weißen Weste der „Opfernation“ dunkle Flecken gibt. Es gibt aber auch viele heroische Beispiele, die bis heute strahlen. Polnische Bürger versteckten Juden. Sie riskierten ihr Leben und das ihrer Familien. Keineswegs war die Untergrundarmee AK von Antisemiten durchsetzt.

AK-Soldaten retteten Juden, und umgekehrt kämpften Juden in den polnischen Verbänden mit. Den Aufstand im Warschauer Judenghetto, der vor rund 70 Jahren ausbrach, unterstützten viele Polen durch Waffenschmuggel. Botschafter Marganski weist zudem darauf hin, dass ein Viertel der Personen, die in der zentralen israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem geehrt werden, Polen waren.

Doch es geht nicht nur um politische und historische Korrektheit. Am meisten empört viele Polen, dass sich die deutsche Gesellschaft so oft einer gelungenen Aufarbeitung ihrer Geschichte rühme, um dann doch wieder in entscheidenden Punkten in alte Klischees und Stereotype zu verfallen. „Nichts gelernt“, heißt es in vielen Internet-Kommentaren. Als krassesten Beispiel gilt dabei der in Deutschland und auch in den USA immer wieder verwendete Ausdruck „polnische Konzentrationslager“. In Wahrheit handelte es sich um deutsche Vernichtungsstätten auf gewaltsam erobertem polnischem Gebiet.

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