Alle Menschen werden Brüder

Auch Konzertbesuche können zu denken geben. Mir ist das am Wochenende bei der Eröffnung des Beethoven-Festivals in Warschau passiert. Die neunte Symphonie ist schließlich nicht nur große Kunst, sondern zugleich auch die Hymne der EU – so lange es dieses Europa als Union noch gibt.

Am vergangenen Wochenende konnten sich viele Polen gar nicht wieder beruhigen. „Wir sind Kanzlerin!“, jubelten Zeitungen und Internetnutzer im Chor. Auch dem letzten Leser war am Ende klar geworden, dass Angela Merkel einen polnischen Opa hatte und man selbst damit ab sofort Teil der Bundesregierung ist. Gefühlt jedenfalls. Wenn das Ganze ähnlich grandios endet wie das Pontifikat Benedikts XVI. („Wir sind Papst“), dann allerdings… Lassen wir das!

Apropos Chor. Ebenfalls am Wochenende habe ich mir das Eröffnungskonzert des Warschauer Beethoven-Festivals angehört. Natürlich wurde die Neunte gegeben. Sie wissen schon: „Freude, schöner Götterfunken!“ Mit dabei waren in der Präsidentenloge Staatschef Bronislaw Komorowski mit Gattin, mehrere Regierungsmitglieder und das halbe diplomatische Korps. Ich muss gestehen, dass ich über so viel Prominenz regelrecht erschrocken bin, denn eigentlich hatte ich mir das Konzert eher zufällig ausgesucht. Es passte in den Terminkalender.

Im Nachklapp habe ich gelernt, dass das Beethoven-Festival zu den gesellschaftlichen Topereignissen in Warschau gehört, obwohl es erst zum zehnten Mal in der Hauptstadt stattfindet. Außerdem gilt: Die Neunte geht immer. Das liegt daran, dass dem modernen Menschen das natürliche Gefühl für das richtige Maß an Pathos abhanden gekommen ist. So zumindest lautet meine These.

Das war einmal anders. Bei Beethoven und seiner Schiller-Anleihe zum Beispiel: „Alle Menschen werden Brüder!“ Oder: „Diesen Kuss der ganzen Welt!“ Großartig. Wer würde sich so etwas heute noch trauen beziehungsweise trauen können, ohne peinlich zu sein?

Um den Bogen zu Angela Merkel zu schlagen, sei daran erinnert, dass Beethovens Neunte die Hymne der Europäischen Union ist. Alle Menschen des Kontinents werden demnach Brüder. Wäre es nicht so traurig und bitter, könnte man darüber lachen.

Die Briten wollen am liebsten raus aus der EU, die Griechen sollen raus (wenn es nach deutschen Stammtischparolen geht). Bulgaren und Rumänen hätte man gar nicht erst reinlassen sollen. Und überhaupt diese Osteuropäer, alle arm und kriminell! Die Italiener wählen derweil antieuropäische Clowns. Diesen Kuss der ganzen Welt!

Selbst im einst EU-euphorischen Polen ist Europa inzwischen unpopulär. Den Euro will außer Merkels Kumpel Donald Tusk kaum noch jemand einführen. Vielleicht wird das nun wieder anders, da die Polen mit Opa Kazmierczak-Merkel im Kanzleramt angekommen sind. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Oder, wie Schiller sagen würde: „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns andere anstimmen und freudenvollere.“

 

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