Der Schuss ging nach hinten los

Ein Jahr ist Bundespräsident Joachim Gauck nun im Amt. War da was? Nach dem Hype um seine Wahl ist nicht viel in Erinnerung geblieben vom Wirken des Staatsoberhauptes. Immerhin hat er sich um die polnische Rockmusikszene verdient gemacht.

Polens Präsident Bronislaw Komorowski (r.) schenkt Bundespräsident Joachim Gauck ein Wahlplakat der Solidarnosc von 1989.

Zum Beispiel Polen. Gaucks verheißungsvollen Start in Warschau habe ich damals live miterlebt. Es war die erste Auslandsreise des frisch gekürten Präsidenten. Amtskollege Bronislaw Komorowski schenkte dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler ein Wahlplakat der Solidarnosc-Bewegung von 1989. Es zeigte einen einsamen Sherriff als heldenmütigen Streiter für Freiheit und Gerechtigkeit. Gauck strahlte und umarmte Komorowski lang und innig.

Die beiden Präsidenten versprühten im März 2012 Lust auf Zukunft. Ein Jahr später fragen die Polen: „Joachim wer?” Verschwommen in Erinnerung geblieben ist ihnen, wie der heute 73-Jährige im vergangenen August das „polnische Woodstock“ eröffnete, ein Rockfestival im grenznahen Kostrzyn (Küstrin). Viele Medien jenseits der Oder jubelten damals über die Lockerheit des alten Herrn und seinen Satz „Polen ist die Heimat der Freiheit“. Vergangen und vergessen. In der Substanz haben Gauck und Komorowski wenig erreicht.

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Aufkleber mit dem Bild von Julia Timoschenko vor ihrer früheren Gefängniszelle in Kiew. (Foto: Krökel)

Man denke an die Sache mit Julia Timoschenko in der Ukraine. Polen gilt als Anwalt des östlichen Nachbarlandes in der EU. Gauck dagegen war einer der Ersten, die einen Besuch in Kiew absagten, als sich der Streit um die eingekerkerte Oppositionsführerin vor der Fußball-EM 2012 zuspitzte. Das Turnier veranstaltete Polen gemeinsam mit der Ukraine. Um eine konzertierte Aktion mit Komorowski im Fall Timoschenko bemühte sich Gauck nicht. Der einsame Sherriff hatte seine Waffe im Kampf um die Freiheit aus polnischer Sicht zu früh gezogen. Der Schuss ging nach hinten los.

Aber der Bundespräsident hat mit Blick auf Polen auch ein Vorgänger-Problem. Richard von Weizsäcker galt in den 80er Jahren nach Kanzler Willy Brandt als der zweite große Versöhner im deutsch-polnischen Verhältnis. Horst Köhler, der in der polnisch-ukrainischen Grenzregion geboren ist, wurde noch nach seinem Rücktritt auf einer privaten Polen-Reise gefeiert.

Christian Wulff schließlich traf sich in seiner kurzen Amtszeit in rekordverdächtiger Häufigkeit mit Komorowski. Die Medien in Warschau würdigten den umstrittenen CDU-Politiker als „Staatsmann von Format“ und fragten bei seinem Rücktritt ungläubig und bedauernd: „Das soll ein Skandal gewesen sein?“ Der evangelische Pfarrer Gauck dagegen muss sich seine Lorbeeren, die er vor Jahresfrist in Warschau als Vorschuss erhielt, im katholischen Polen erst noch verdienen.

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