Eine deutsch-polnische Romanze

In Polen sorgen Berichte über die Familiengeschichte von Angela Merkel für Wirbel. Die Bundeskanzlerin hat demnach polnische Wurzeln. Premier Donald Tusk gab seiner Amtskollegin daraufhin beim EU-Gipfel in Brüssel ein wenig sprachlichen Nachhilfeunterricht.

Polens Premier Donald Tusk begrüßt Kanzlerin Angela Merkel mit Handkuss.

Ein Augenaufschlag hier, ein verschmitztes Lächeln dort: Knapp zwei Jahre ist es her, dass Angela Merkel und Donald Tusk vor laufenden Kameras zu einem Live-Flirt ansetzten. Ein Journalist hatte der Bundeskanzlerin und dem polnischen Premier eine „ziemlich romantische Frage“ gestellt, wie Tusk befand. Der Reporter wollte etwas zum „Stand der persönlichen Beziehungen“ zwischen den beiden Politikern wissen. Tusk zögerte zunächst. Dann grinste er und erklärte: „Eine berechtigte Frage.“ Merkel ergänzte schmunzelnd: „Er hat mich nie betrogen.“ Schließlich einigten sich beide auf die Formel: „Es ist echte Freundschaft.“

Freundschaft? Seit Ende vergangener Woche sind Polens Medien davon überzeugt, dass hinter dem ungewöhnlichen Geschäker mehr steckt. „Angela Merkel ist eine Polin!“, titelten mehrere Zeitungen. Was war geschehen? Der deutsche Journalist Stefan Kornelius hatte in einer neuen Merkel-Biografie enthüllt, dass der Großvater der Kanzlerin Ludwig Kazmierczak hieß. Er wurde 1896 im damals deutschen, heute polnischen Posen (Poznań) als Kind polnischer Eltern geboren. Seinen Sohn, den Vater von Angela Merkel, ließ Ludwig Kazmierczak 1930 allerdings in Horst Kasner umbenennen. Möglicherweise wollte er den Jungen in der nationalistisch aufgeheizten Zeit vor Verunglimpfung schützen.

Merkel schließlich kam 1954 als Angela Dorothea Kasner zur Welt. Eine typisch mitteleuropäische Biografie, könnte man meinen. In Polen aber sorgt die Nachricht über Merkels östliche Wurzeln für andauernden medialen Wirbel. „Eine Sensation“, urteilte die Zeitung „Polska“ und präsentierte am Wochenende Archivmaterial aus Posen. Die Vorfahren der Kanzlerin hätten zunächst in der Grobla-Straße 14 und später in der Piekary-Straße gewohnt, ist zu erfahren.

Doch damit nicht genug. Auch Merkels Vorfahren mütterlicherseits hatten polnische Wurzeln. Was in Deutschland bislang unterging, hatte „Polska“ schon 2008 enthüllt. Demnach lebte die Großmutter der Kanzlerin, Gertrud Drange, mit ihrem polnischen Mann zu Beginn des 20. Jahrhunderts im westpreußischen Elbing, dem heutigen Elbląg. „Jetzt wissen wir endlich, warum Merkel sich immer wieder so warmherzig über Polen äußert“, kommentierte die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ die Ergebnisse der Nachforschungen.

Tatsächlich wählen die Polen Merkel seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit zur beliebtesten ausländischen Politikerin. Fünf Mal errang sie den Titel seit 2006 und schlug dabei sogar mehrfach den in Polen äußerst populären US-Präsidenten Barack Obama aus dem Feld. Die „Gazeta Wyborcza“ erinnerte daran, dass die Deutsche noch zu DDR-Zeiten wiederholt durch das östliche Nachbarland gereist sei und mit der Freiheitsbewegung Solidarnosc sympathisierte. Es ist eine deutsch-polnische Romanze, die in den Berichten aufscheint.

Die Kanzlerin selbst reagierte gelassen auf den polnischen Wirbel um ihre Vorfahren. Merkel ließ die Enthüllungen durch ihren Sprecher bestätigen. Dann wandte sie sich beim EU-Gipfel in Brüssel Ende vergangener Woche an ihren persönlichen Freund, den „lieben Donald“ Tusk, und fragte: „Wie spricht man eigentlich Kazmierczak aus?“ So meldete es der polnische Premier später im Internetdienst Twitter und verriet: „Beim zweiten Versuch konnte sie es.“ Die richtige Antwort lautet „Kasmjertschack“, wobei das „s“ stimmhaft auszusprechen ist wie in „Sonne“.

Tusk seinerseits spricht fließend Deutsch und hatte deshalb in Polen wiederholt mit Anfeindungen zu kämpfen. Der 55-jährige Premier stammt aus der über Jahrhunderte hinweg deutsch-polnisch geprägten Hansestadt Danzig/Gdańsk. Tusks politische Gegner nahmen vor allem seinen Großvater Józef ins Visier, der als deutscher Reichsbürger 1944 für die Wehrmacht zwangsrekrutiert wurde. Józef Tusk desertierte wenig später und kämpfte für die polnische Untergrundarmee gegen die Nazis. Dennoch startete die nationalkonservative Partei PIS von Jaroslaw Kaczynski im Wahlkampf 2005 eine Kampagne gegen Tusk und seinen „Opa aus Hitlers Wehrmacht“.

Die Kaczynski-Partei hatte mit der Verleumdung vorübergehend Erfolg. Inzwischen aber sind Tusks angebliche Deutschtümelei und seine „deutsche Vergangenheit“ längst keine Makel mehr. Das belegt nicht nur der freudige Wirbel um Merkels polnische Wurzeln. Auf der Sympathieskala der Polen erreichen die einst so ungeliebten Deutschen von Jahr zu Jahr neue Rekordwerte. Mehr noch: Als Jaroslaw Kaczynski 2011 erneut mit antideutschen Ausfällen Wahlkampf machte und Merkel Stasi-Seilschaften unterstellte, straften ihn die Bürger an den Urnen ab.

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