Papstwahl: „Bloß nicht wieder ein Professor aus Deutschland“

Ab Dienstag wird in Rom ein neuer Papst gewählt. Polens einflussreiche Kardinäle haben seit Langem Sehnsucht nach einem Mann wie Johannes Paul II. Sie wollen einen emotionalen Seelsorger auf dem Heiligen Stuhl statt eines Intellektuellen.

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Polens Leitstern: Zur Seligsprechung von Johannes Paul II. ehrten die Gläubigen den polnischen Papst mit einem Mosaik an der Warschauter Nationalkirche. (Foto: Krökel)

Das Urteil des Krakauer Kardinals war eindeutig.„Man steigt nicht vom Kreuz herab“, erklärte Erzbischof Stanislaw Dziwisz kurz nach dem Rücktritt Benedikt XVI. Es war der wohl schärfste Kommentar eines hohen katholischen Würdenträgers zu der historischen Entscheidung des deutschen Papstes. Dziwisz sah in dem Rücktritt eine Flucht – womöglich gar aus Feigheit.

Zu erklären ist die Entrüstung nur mit der Herkunft des Kardinals, der ab Dienstag beim Konklave in Rom stimmberechtigt ist. Krakau war einst die Diözese von Benedikts Vorgänger, des legendären polnischen Papstes Johannes Paul II. Der mittlerweile seliggesprochene Karol Wojtyla war nicht „vom Kreuz gestiegen“. Im Gegenteil: Er hatte sein langes Leiden bis zu seinem Tod 2005 geradezu öffentlich zelebriert. „Er wollte den Menschen Mut zum Leben machen“, sagte Dziwisz einmal.

Keine Frage: Johannes Paul II. war stets mehr Seelsorger als Gelehrter – trotz seiner universalen Bildung. Bei dem Theologie-Professor Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. war die Gewichtung umgekehrt. Bei den Menschen in Polen, dem katholischsten Land Europas, war das nicht populär. Die Polen gelten als lebendfroh und emotional wie einst Wojtyla, der in seiner Heimat auch nach seinem Tod noch als „Leitstern des Lebens“ verehrt wird.

Vom Konklave in Rom erhofft sich Polens Episkopat eine Abkehr vom theologisch überhöhten Pontifikat Benedikts XVI. „Der neue Papst sollte nicht unbedingt ein Gelehrter sein. Er sollte die Brüder im Glauben stärken“, sagt Kurienkardinal Zenon Grocholewski. Der Metropolit von Warschau, Kardinal Kazimierz Nycz, stößt ins gleiche Horn. Er erinnert an die Wahl Karol Wojtylas im Jahr 1978: „Das hat damals auch niemand für möglich gehalten“, sagt Nycz und gibt damit einen kaum verhüllten Hinweis darauf, dass sich die polnischen Kardinäle etwas „nahezu Unmögliches“ wünschen – zumindest aber eine klare Neuausrichtung im Vatikan.

Nycz und Grocholewski sind wie Dziwisz in Rom stimmberechtigt. Kurienkardinal Stanislaw Rylko ergänzt die polnische „Fraktion“. Mit vier Teilnehmern bildet das Land im Herzen Europas, in dem 94 Prozent der 38 Millionen Einwohner katholisch sind, zwar „nur“ die siebtgrößte nationale Gruppe. Nach dem langen Pontifikat Johannes Pauls II. aber, das mehr als ein Vierteljahrhundert andauerte, verfügen die Polen im Vatikan noch immer über großen Einfluss. Und so ist es nicht ohne Bedeutung, wenn Kardinal Nycz auf die Frage nach einem Papst aus Afrika oder Lateinamerika antwortet: „Ich schließe das nicht aus.“

Viele Warschauer Kommentatoren gehen sogar davon aus, dass die Wahl eines außereuropäischen Papstes das klar definierte Ziel der polnischen Kardinäle ist. Die gehandelten Kandidaten aus Afrika und Lateinamerika seien „viel näher am Geist unseres Katholizismus“, analysierte die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ und erläuterte weiter: „Das ist ein Katholizismus des Gefühls, nicht des Verstandes.“ Mit anderen Worten: „Bloß nicht wieder ein verkopfter Professor aus Deutschland als Papst!“

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