Polnische Zettelwirtschaft

Verbraucherrechte sind in Polen wenig verbreitet und auch wenig populär. Unternehmen nutzen dies, um penetrant Werbung zu treiben. Mit Handzetteln könnte ich mitunter meine Wohnung tapezieren.

Frühjahrsputz in Warschau. Zwischen den Straßenschildern hängt ein Plakat "Wohnung zu verkaufen". (Foto: Krökel

Frühjahrsputz in Warschau. Zwischen den Straßenschildern hängt ein Plakat „Wohnung zu verkaufen“. (Foto: Krökel)

Kleines Schild, große Wirkung: In Deutschland setzt sich an Briefkästen immer stärker der Aufkleber „Keine Werbung“ durch. Das hat den angenehmen Effekt, dass der Kasten nicht ständig vor Handzetteln überquillt. So garantiert es das Verbraucherrecht.

Polen ist von derartigen Regeln noch weit entfernt. Meist ist hierzulande nicht der Kunde König, sondern der Unternehmer und damit der Werbetreibende. Das beginnt beim Pizzaservice und endet bei den größten Banken des Landes. Sie alle wollen ihre Produkte präsentieren, und sie tun dies oft mit Zetteln. Als ich kürzlich nach längerer Abwesenheit in meine Warschauer Wohnung zurückkehrte, fand sich im Briefkasten gefühlt zu 90 Prozent Werbepost. So etwas kann Frühlingsdepressionen auslösen.

Aber es geht noch schlimmer. Die polnische Zettelwirtschaft endet keineswegs am Briefkästen. Im Warschauer Stadtzentrum gibt es kaum einen Platz oder eine Kreuzung, an der keine Flugblätter und Werbebroschüren verteilt würden. Ich habe es mir inzwischen angewöhnt, in der City nur noch kopfschüttelnd durch die Straßen zu gehen. Die Zettelverteiler bemerken die Präventivgeste meist frühzeitig. Das erspart mir das ausgesprochene „Nein, danke!“

Eine Zeit lang habe ich versucht, mir einzureden, dass es in anderen europäischen Hauptstädten vermutlich gar nicht besser ist. Indes: Ich habe mich geirrt. Das weiß ich, seit ich kürzlich in einer Zeitung auf eine Statistik gestoßen bin. „In Warschau gibt es zehn Mal mehr Reklame als in Paris“, lautete die Überschrift. Das beginnt bei den 21.000 Werbetafeln, die in der polnischen Hauptstadt aufgestellt sind. Und es endet bei der Zettelflut im Briefkasten.

Es gab eine Phase, in der ich mich über all das lautstark aufgeregt habe. Damals habe ich gern das Argument vorgebracht, der polnische Papierboom sei im Zeitalter der Digitalisierung und des Internet ein Anachronismus – also völlig aus der Gegenwart gefallen. Aber das stimmt natürlich nicht, wie ich mittlerweile selbst eingesehen habe. Sollen die jungen Leute an den Kreuzungen etwa jedem Passanten einen Tablet-Computer in die Hand drücken?

Bleibt die Frage, warum ausgerechnet die Polen so fanatisch Werbung treiben. Es hat vermutlich mit dem Selbstverständnis der Marktwirtschaft im Land zu tun, die eher amerikanisch als deutsch geprägt ist und somit vor allem auf die Freiheit der Händler setzt. Demnach ist jeder frei, Zettel zu verteilen, wie ja auch jeder frei ist, das Papier zurückzuweisen. Auf dem Standpunkt kann man stehen. Nerven kostet es trotzdem.

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