Polens großer Sprung nach vorn

Europas Musterschüler Polen ist Partnerland der Cebit 2013. Die Wirtschaft jenseits der Oder entwickelt sich seit Jahren dynamisch. Doch das „Wunder an der Weichsel“ überdeckt auch Zukunftssorgen, die zum Ende dieses Winters am Horizont heraufdämmern.

Urheberrechtlich geschützt, alle Rechte bei mir.

Warschau wächst, Polen boomt: Blick auf die Einkaufsgalerie „Goldene Terrassen“ in der Hauptstadt. (Foto: Krökel)

Im alten Warschauer Arbeiterstadtteil Praga steht eine Schmiede der besonderen Art. Zwischen Abbruchhäusern und verlassenen Industriebauten werden dort Ideen in Form gegossen. Das Softwarestudio CDProjekt hat in Praga mit „The Witcher“ eines der weltweit populärsten Fantasy-Computerspiele entwickelt. 2014 soll der dritte Teil auf den Markt kommen. Die Fans fiebern dem Start schon jetzt entgegen. Projekt-Chef Konrad Tomaszkiewicz ist ähnlich elektrisiert: „Wir wollen einen neuen Typ Spiel schaffen“, erklärt er.

Etwas Neues schaffen: Diese Maxime passt bestens zum aufstrebenden Polen. Das einst als hinterwäldlerisch verschriene Land im Herzen Europas hat längst weit mehr zu bieten als Wodka, Steinkohle und billige Arbeitskräfte. Die Zeiten, in denen Polen für westliche Investoren vor allem als verlängerte Werkbank attraktiv war, sind vorbei. Noch immer bauen zwar VW und Opel in Posen und Gleiwitz Autos. Fast fünf Prozent der Wirtschaftsleistung werden inzwischen aber in Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) erarbeitet – Tendenz steigend. Es ist also alles andere als ein Zufall, dass Polen 2013 Partnerland bei der IKT-Messe Cebit ist, die am morgigen Dienstag in Hannover ihre Tore öffnet. Die herausragenden Schöpfungen der polnischen Spielebranche werden dann in Halle 18 zu bestaunen sein.

Präsentieren wird sich auf der Cebit ein junges und dynamisches Land. Der Altersdurchschnitt der Bevölkerung liegt in Polen in bei 38 Jahren (Deutschland: 44,5). Seit dem EU-Beitritt 2004 befindet sich die Wirtschaft mit Wachstumsraten zwischen 3,6 und 6,8 Prozent in einem Daueraufschwung. Selbst im weltweiten Rezessionsjahr 2009 erzielte Polen ein Plus – als einziges Land in Europa. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt. Und auch dies zählt: Jeder zehnte Hochschulabsolvent in der EU kommt aus Polen.

Urheberrechtlich geschützt, alle Rechte bei mir.

Marienstatue im Stadtteil Praga (Foto: Krökel)

Zu besichtigen ist das Wirtschaftswunder in Warschau-Praga.Die Ideenschmiede CDProjekt ist dort keineswegs das einzige IKT-Unternehmen. In dem Viertel, das einst als Hort von Kriminalität und Gewalt galt, tummeln sich heute Kreative aller Art. Extravagante Bürogebäude, Ateliers und Lofts ersetzen zusehends jene Ruinen und Brachen, die noch immer von den Wunden des Zweiten Weltkriegs zeugen. In den Hinterhöfen der zentralen Targowa-Straße glimmen zwar weiterhin Kerzen vor liebevoll gepflegten Marienstatuen. In den Häusern selbst aber haben sich in „Creative Hubs“ Grafiker, Fotografen, Architekten, Designer und Multimedia-Spezialisten eingerichtet. In Polen 2.0 können Katholizismus und Konservatismus den Schöpfergeist der Jugend nicht bremsen.

„Praga ist ein Brutkasten, in dem sich kleine und junge Firmen entwickeln können“, sagt Warschaus Oberbürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Waltz. Dabei ist das In-Viertel kein Einzelfall in der Hauptstadt. Großflächig entstehen moderne Büroviertel. „Sie werden dringend gebraucht“, sagt Gronkiewicz-Waltz. Stolz verweist sie darauf, dass Warschau bei den Neuansiedlungen in Europa hinter London in der absoluten Spitzengruppe rangiert. Im Zentrum wächst mit dem Liebeskind-Tower Europas höchster Apartment-Wolkenkratzer in den Himmel. 7000 Euro soll dort ein Quadratmeter Wohnraum kosten.

Warschau rast in die Zukunft. Täglich pendeln eine halbe Million Menschen in die Metropole mit ihren 1,8 Millionen Einwohnern. Die Hauptstadt gilt als Karriere-Katalysator. Doch auch andere Städte wie Posen, Krakau und Breslau ziehen mit. Polen als Ganzes belegt auf der Liste der attraktivsten Standorte für Direktinvestitionen in Europa hinter Deutschland Rang zwei. „Wir sind den stärksten Volkswirtschaften Europas auf den Fersen“, sagt Ministerpräsident Donald Tusk, der sich am heutigen Montagabend zu einem ersten Cebit-Rundgang mit Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft.

Tatsächlich ist Polens Erfolg auch der Erfolg einer Politik, die gezielt auf die Schaffenskraft und die Ideen der Menschen gesetzt hat. Polen ist ein Paradies für Existenzgründer, die von niedrigen Steuersätzen profitieren. Hinzu kommt eine deutliche Verbesserung der lange vernachlässigten Infrastruktur. Während der Vorbereitung auf die Fußball-Europameisterschaft 2012 entstanden mehr als 1000 neue Autobahn-Kilometer. Vor allem die Vollendung der A 2, die von Warschau bis zur deutschen Grenze und weiter nach Berlin und in die Cebit-Stadt Hannover führt, hat Polen endgültig an Westeuropa angeschlossen. Auch viele Bahntrassen und die Flughäfen in Warschau, Danzig, Posen und Breslau wurden runderneuert.

All das zeigt, welch großen Sprung in die Moderne Polen in den vergangenen zehn Jahren gemacht hat. Doch wo viel Licht ist, fallen auch Schatten. Manches spricht dafür, dass Polen den Zenit seines kraftvollen Aufstiegs bald überschritten haben könnte. Die Arbeitslosenquote, die zwischen 2003 und 2008 von gut 20 Prozent auf weniger als sieben Prozent rasant gesunken war, hat sich gegen Ende des Winters 2013 wieder auf 14 Prozent verdoppelt. Grund sind die vielen Kurzzeitverträge vor allem in der Bauwirtschaft, die schnelle Entlassungen ermöglichen. Es ist die Kehrseite der viel gerühmten polnischen Flexibilität.

Bedrohlicher noch ist für die Wirtschaft jenseits der Oder allerdings die andauernde Abwanderung junger und gut qualifizierter Menschen, die ihr Glück in Großbritannien, den Niederlanden, Deutschland oder der Schweiz suchen. Mehr als zwei Millionen Bürger haben Polen seit dem EU-Beitritt 2004 verlassen. Der Erfolg der Kreativen in Warschau, Posen und Breslau hat längst Begehrlichkeiten im Westen geweckt. Gelingt es nicht, gegenzusteuern, könnte sich Polen schlimmstenfalls in die Krise siegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *