Fracking und die Angst in Strzeszewo

Die Förderung von Schiefergas soll Polen zum Energieparadies in Europa machen. Der hoch umstrittene Einsatz von Chemikalien weckt jedoch den Widerstand der Bürger. Regierung und Energieunternehmen wiegeln ab. Deutschland steht ähnlicher Streit bevor.

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Das Bohrloch Strzeszewo LE-1 im Herbst 2012. (Fotos: Makurat)

Die Storchennester sind längst verlassen.Einige Dorfhunde bellen freudlos. Wer weiterfährt, landet am kalten Wasser der Ostsee. In Spätherbst und Winter ist Strzeszewo einer jener Orte, die das Ende der Welt markieren könnten. Und doch ist dieses Niemandsland 80 Kilometer nordwestlich von Danzig eine Kampfzone.

Der Versuch, am Rande des Dorfes zu parken und den Bohrturm auf dem Acker zu fotografieren, alarmiert sofort den Werkschutz. „Was machen Sie da? Weg!“, ruft ein schwarz gekleideter Wachmann und eilt mit schweren Schritten auf den Fremden zu. Scheinwerfer am Turm leuchten das Gelände grell aus. Ein dumpfes Dröhnen dringt herüber. Das hitzige Gespräch endet, als sich Grazyna Mazanowska vom Dorf her nähert. Wir sind zum Ortstermin verabredet. Der bullige Aufseher zieht sich zurück.

„Die kennen mich und wissen, dass sie uns nicht von der Straße vertreiben dürfen. Sehen Sie! Jetzt beobachten sie uns vom Turm mit Ferngläsern“, sagt die Frau mit den dichten dunkelblonden Haaren und der kraftvollen Stimme. Mazanowska ist Anfang 50. „Ich bin hier geboren, und ich liebe meine Heimat“, erklärt sie und schwärmt von dem Wasser, der Luft und den Wäldern, über denen im Sommer Wildgänse und Kraniche ihre Runden ziehen. Der milde Seewind lädt dann zum Baden ein.

In diesen letzten Novembertagen jedoch pressen die Arbeiter am Bohrloch LE-1 unter Hochdruck Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden, um in 4000 Meter Tiefe das Schiefergestein aufzubrechen und nach Gas zu suchen. Fracking nennt sich die ebenso revolutionäre wie umstrittene Fördermethode (siehe Kasten). „Alles ist unschädlich“, zitiert Mazanowska einen Sprecher des verantwortlichen US-amerikanisch-britisch-polnischen Konsortiums Conoco-Philips/Lane Energy Poland. Ist es das?

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Protest gegen das Fracking in Strzeszewo 2012.

Mazanowska hat im Dorf eine Bürgerinitiative gegründet.120 Einwohner stimmten per Unterschrift dafür, nur drei dagegen. „Wir wollen wissen, was sie außer Wasser und Sand noch in unseren Boden pumpen“, sagt die zweifache Mutter entschlossen und fragt: „Welche Stoffe setzen sie ein? Wie giftig sind die Substanzen? Ist unser Trinkwasser in Gefahr?“

Am Turm brummen die Maschinen. In den Ohren der Regierenden in Warschau ist dieser Lärm Musik. Geologen haben in Polen große Vorkommen an Schiefergas ausgemacht. Optimistische Schätzungen gehen von zwei bis fünf Billionen Kubikmetern aus. Auf 100 Jahre hinaus könnte das Land damit seinen heutigen Energiebedarf decken. Aber auch die Exportchancen wären riesig. Polen werde zu einem „zweiten Norwegen“ aufsteigen, hofft Ministerpräsident Donald Tusk. Die Skandinavier sind dank ihrer Gas- und Ölförderung eines der reichsten Völker der Welt.

In Europa werden größere Schiefergasvorkommen außer beim Primus Polen auch in Frankreich und den Niederlanden, der Ukraine, im Wiener Becken sowie in den deutschen Bundesländern Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Baden-Württemberg vermutet. In Berlin streiten Umwelt- und Wirtschaftsministerium um ein neues Rahmengesetz für das Fracking. Eine Entscheidung dürfte nach der Bundestagswahl im Herbst fallen.

Die Familie Mazanowska wohnt in einem flachen Mietblock am Rande von Strzeszewo, in Sichtweite des Bohrturms LE-1. Eine bunte Blumentapete schmückt die Wände im kleinen Wohnzimmer. „Wir sind nichts Besonderes, aber wir haben Rechte“, sagt Mazanowska, die in einem Hotel an der Ostsee arbeitet. Sie schleppt einen Aktenordner herbei, der vor Papier überquillt. Er enthält die Dokumente der Bürgerinitiative „Gesunde Erde“. Aber Mazanowksa hat auch Meldungen aus den USA gesammelt. Von Gift und Tod ist dort die Rede.

In den Vereinigten Staaten wird Fracking seit einigen Jahren in großem Stil betrieben. Die Zahl der Bohrungen liegt bei rund 25.000. Experten prophezeien der kriselnden Supermacht dank der umstrittenen Technik den Aufstieg zum größten Energieproduzenten weltweit. Für Berichte über gestiegene Krebsraten in den wichtigsten Förderregionen Pennsylvania und New York gibt es viele Indizien, aber bislang keine Beweise.

Den Menschen in Strzeszewo gehe es um Transparenz, erklärt Mazanowska und lässt über ihrem Redefluss den Kaffee kalt werden. „Wir sind nicht grundsätzlich gegen Gasförderung. Wir stellen nur Fragen, die aber niemand beantworten will. Ist das Unternehmen ausreichend versichert, wenn es zu einem Unfall kommt? Warum dürfen wir keine Bodenproben am Bohrloch nehmen, wenn doch alles unschädlich ist? Stattdessen hören sie unsere Telefone ab! Das ist doch krank.“

Mazanowska verdächtigt den polnischen Inlandsgeheimdienst ABW, die widerspenstigen Bürger in Strzeszewo auszuspionieren. Auf Nachfrage bestätigen die Sicherheitsbehörden eine „laufende Überwachung“ im Zusammenhang mit der strategisch so wichtigen der Schiefergassuche. In Polen gilt der Energieträger als Allheilmittel. Gelingt die flächendeckende Förderung, könnte sich das Land vom heimischen Klimakiller Kohle und von russischen Erdgasimporten befreien. Auch der geplante Bau eines ersten polnischen Atomkraftwerks käme auf den Prüfstand.

Die Regierung hat deshalb bereits 113 Konzessionen für Probebohrungen vergeben. 42 Anlagen wurden bislang installiert, meist an abgelegenen Orten wie in Strzeszewo. Mit Widerstand war dort kaum zu rechnen. Doch Politiker und Unternehmen haben nicht mit den Urgefühlen der Menschen gerechnet. „Wir haben Angst“, sagt Mazanowska. Vor dem Gift und vor Spionen. Lokale Medien melden, dass die Bohrlochbetreiber Spitzel zu Veranstaltungen der Bürgerinitiative schicken und im Stil der Stasi „IM-Berichte“ verfassen lassen.

Das ist erklärungsbedürftig. Eine Vertreterin von Lane Energy Poland zeigt sich im Dezember zunächst zu einem Gespräch bereit. Wenig später rudert sie jedoch zurück. Die US-Firma Conoco-Philips sei Mehrheitseignerin der Bohrkonzession in Strzeszewo und damit für die Medienarbeit verantwortlich. Im Übrigen seien „wegen des Winters praktisch alle Arbeiten eingestellt“ worden. Tatsächlich liegt Bohrloch LE-1 in diesen Januartagen brach. „Vor Weihnachten haben sie alles abgebaut und sind mit ihren schweren Lastern davongefahren“, berichtet Mazanowska. Geblieben ist ein Wachhäuschen.

Geblieben ist auch die Angst, dass es sich nur um die Ruhe vor dem Rausch handeln könnte. In Strzeszewo geht die Furcht vor einem Fracking-Fieber wie in Pennsylvania um. Viel hängt vom Ergebnis der Probebohrungen ab. „Die Firmen haben versprochen, uns darüber zu informieren. Gehört haben wir bislang nichts“, sagt Mazanowska. John McLemore, der Sprecher von Conoco-Philips, verweist auf Anfrage dieser Zeitung auf die eleganten Webseiten des Unternehmens. Dort ist viel von Grundwasserschutz die Rede. Gas sei als Energieträger „eine saubere Alternative“

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Grazyna Mazanowska.

Auf die einfachen Fragen, die Mazanowska stellt, bleibt McLemore alle Antworten schuldig.Versicherungsschutz? Keine Auskunft. Auch die exakte Mischung des Chemiecocktails, der beim Fracking zum Einsatz kommt, bleibt ein Betriebsgeheimnis. Aufzufinden ist im Internet dagegen die Information, dass hinter der Partnerfirma Lane Energy Poland das Unternehmen 3Legs Resources steht, das auch zwei Förderkonzessionen in Baden-Württemberg hält und seinen Sitz in der britischen Steueroase Isle of Man hat. Wichtige Anteilseigner sind der Finanzdienstleister Morgan Stanley und die Großbank JP Morgan Chase.

Die Konzessionsvergabe in Strzeszewo ist kein Einzelfall in Polen. Der Einfluss von US-Firmen wie Chevron und Conoco-Philips sowie von Investoren wie 3Legs, die Knowhow und Kapital mitbringen, ist groß. Ob sie ein echtes Interesse an einer ökologisch nachhaltigen Energiegewinnung in Polen haben, ist offen. Grazyna Mazanowska zweifelt daran. Doch was können einzelne Menschen erreichen?

Der leidenschaftliche Widerstand der Bürger von Strzeszewo gegen die Giganten der Gasindustrie wirkt in diesen kalten Januartagen ähnlich surreal wie das verlassene Wachhäuschen am Bohrloch LE-1 in der polnischen Winterlandschaft. „Sie werden alles versuchen, uns als Fanatiker abzustempeln“, prophezeit Mazanowska. Es ist ihr egal. Die Angst ist stärker. Wenn Arbeiter, Wächter und Spitzel zurückkehren, wird sie weiterkämpfen.

 

Stichwort: Die Technik, die Probleme und der Streit

Alles begann mit dem perfekten Knick im Bohrgestänge. Zur Jahrtausendwende entwickelten Ingenieure in den USA ein Verfahren, mit dem Trägergestein in Tiefen bis zu 10.000 Meter nicht nur senkrecht erreicht, sondern auch horizontal durchbohrt und erschlossen werden kann. In den Sedimenten, meist Schiefer, lagert Gas, das zuvor unzugänglich war. Um es zu fördern, kommt die umstrittene Fracking-Technik zum Einsatz.

Der Name leitet sich vom englischen „to fracture“ ab – aufbrechen. Unter hohem Druck werden Wasser, Sand und Chemikalien in das Gestein gepresst, um es aufzubrechen. Ist der Schiefer gefrackt, kann das Gas entweichen. Das Problem: Niemand kann garantieren, dass dies ausschließlich kontrolliert geschieht.

„Wesentliche Informationen zur Geologie liegen bislang nicht vor“, stellte das Umweltbundesamt (UBA) kürzlich in einer Studie zum Fracking fest. Zu den größten Risiken gehören demnach „der unkontrollierte Aufstieg von Gas und die Kontamination des Grundwassers durch Fluide“. Mit anderen Worten: Die teils hoch giftigen Chemikalien, die in den Boden gepumpt werden, könnten das Trinkwasser verseuchen. Kenner der Szene gehen davon aus, dass US-Firmen Salzsäure, Benzol und andere krebserregende Stoffe einsetzen. Einzelheiten sind nicht bekannt, weil die Unternehmen ihre Fördermethoden geheim halten.

Spezialisten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) widersprechen dem UBA. Umweltverträgliches Fracking sei möglich, erklären die BGR-Fachleute und betonen, dass oberflächennahes Trinkwasser mit dem Tiefengestein „meist nicht in Verbindung steht“.

Unstrittig ist, dass die Fracking-Förderung extrem flächenintensiv ist. Der Schiefer muss immer wieder an neuen Stellen „angezapft“ werden. Rund um das Mutterbohrloch werden deshalb oft im Abstand von 500 bis 1000 Metern weitere Förderanlagen errichtet. Im Schnitt sind sechs Tochterbohrungen pro Quadratkilometer nötig. Ganzen Landstrichen drohe damit die Zerstörung, sagen Kritiker und sprechen von „Opferzonen“.

Weiterführende Hinweise: www.umweltbundesamt.de/uba-info-medien/4346.html (Download UBA-Studie); http://www.bgr.bund.de/DE/Themen/Energie/energie_node.html (Download BGR-Studie)

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