Mobbing per Handkuss

In Deutschland wird vehement über Sexismus debattiert. Doch wie sieht es bei unseren Nachbarn aus? Ist Brüderle überall? Bedingt. In Polen hat die formvollendete Frauenverachtung Vorrang.

Jaroslaw Kaczynski ist in einem ähnlichen Alter wie Rainer Brüderle. Und die beiden Mittsechziger verbindet noch mehr. Sie nehmen, bei allen ideologischen Unterschieden, selten ein Blatt vor den Mund. Im politischen Streit wird der konservative polnische Oppositionsführer sogar noch häufiger ausfällig als der liberale Fraktionschef aus Deutschland.

Sexuelle Übergriffe allerdings, wie sie dem FDP-Politiker nachgesagt werden, sind bei Kaczynski unvorstellbar. Man erinnere sich: Als der konservative Ex-Premier 2011 mit einem Team junger Politikerinnen in den Warschauer Wahlkampf zog, war ein schüchterner, zu Boden gerichteter Blick auf die hohen Hacken der Damen das Höchste der Gefühle, die sich Kaczynski gestattete.

Der ewige Single Kaczynski mag ein Extremfall sein. Fakt aber ist: Sex ist in der politischen Arena des katholischen Polen ein Tabu. Versuche, die starre Werteordnung zu erschüttern, sind in Gesetzgebungsverfahren immer wieder gescheitert. Zuletzt lehnte das Parlament am vergangenen Freitag einen Vorstoß für eingetragene eheähnliche Lebenspartnerschaften ab. Dies sei „wider die Natur und die Verfassung“, argumentierte die konservative Mehrheit.

Das Tabu hat den Vorteil, dass offener Sexismus geächtet und deshalb seltener ist als in Deutschland. Dirndl-Sprüche an der Hotelbar wären ein allzu drastischer Stilbruch. Im Zweifel ziehen polnische Männer den formvollendeten Handkuss dem plumpen Griff an den Po vor.

Zu ähnlicher Perfektion haben es viele Polen aber auch bei der unterschwelligen Frauenverachtung gebracht, und das ist der Nachteil des Tabus. Als der liberale Premier Donald Tusk vor der Fußball-EM 2012 die äußerst attraktive Joanna Mucha zur Sportministerin ernannte, hagelte es männlichen Hohn und Spott. Im Internet kursierten angesichts der schleppenden Vorbereitungen auf das Turnier Witze wie dieser: „Mucha steht vor einem halbfertigen Stadion und schüttelt den Kopf. Dann sagt sie: Macht nichts, wir können wenigstens eine Spielhälfte veranstalten.“

Man mag das harmlos finden. Spätestens der nächste Handkuss haucht die Gehässigkeit hinweg. Die Auswirkungen des unterschwelligen Mobbings auf die gesellschaftliche Realität in Polen sind allerdings nicht zu übersehen. Joanna Mucha beispielsweise verlangte schließlich, als „Frau Ministerin“ angesprochen zu werden. Gängig ist in Polen die maskuline Form „Frau Minister“. Der Emanzen-Alarm, den die männerdominierten Medien schlugen, hätte die Frau Ministerin fast das Amt gekostet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.