Phantomschmerzen und die Sprache des Hasses

Der Kinofilm „Pokłosie“ (Nachlese) über ein fiktives Judenmassaker im Zweiten Weltkrieg spaltet die polnische Gesellschaft. Konservative Kritiker wittern eine nationale Nestbeschmutzung. Linksliberale Verteidiger des Films sehen darin einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte.

Polen hat seine meisten Juden längst verloren. Im Holocaust ermordeten die Nazis rund 90 Prozent der einst drei Millionen Juden im Land. Später machte sich im Kommunismus ein Klima des Antisemitismus breit. Viele weitere Juden verließen das Land. Ein reiches Leben starb ab. Zurück blieb eine Art Phantomschmerz, wie ihn Menschen nach der Amputation eines Körperteils spüren.

Der Verlust ist bis heute kaum erträglich. Das zeigen die heftigen Debatten über das Verhältnis zwischen jüdischen und katholischen Polen, die das Land mit unguter Regelmäßigkeit erschüttern. Im Raum steht dabei stets die Frage: Hat die Mehrheit der christlichen Polen das massenhafte Morden der Nazis gebilligt oder sogar unterstützt? Schon wer diesen Satz so formuliert, rüttelt am Selbstverständnis der Polen als wichtigste Opfernation des Nazi-Terrors und des Weltkriegs.

Seit einigen Wochen tobt der Streit erneut. Anlass ist der Kinofilm „Pokłosie“ (Nachlese) des Regisseurs Władysław Pasikowski. Der Thriller erzählt in krassen Bildern die Geschichte des katholischen Bauern Józef Kalina (Maciej Stuhr), der in seinem Dorf die Spuren eines Massakers an Juden im Weltkrieg entdeckt. Seine Recherchen ergeben: Es waren die polnischen Landbewohner, die ohne Zutun der Deutschen ihre jüdischen Nachbarn ermordet haben. Die Täterfamilien aber wollen nichts mehr von ihrer Schuld wissen. Sie terrorisieren Kalina und lynchen ihn.

Die in dem Film heraufbeschworenen Schrecken setzten sich nach der Premiere in polnischen Internetforen fort. Aufgebrachte Nutzer, die einen Verrat an der Nation witterten, verunglimpften Regisseur Pasikowski als „nützlichen Idioten unserer Feinde“. Andere Nutzer verstiegen sich zu der These, viele Juden hätten sich im Weltkrieg den Sowjets angeschlossen und ihre polnischen Nachbarn ermordet – eine Argumentation nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.

Doch die Debatte hat längst auch die intellektuelle Elite des Landes erreicht und wird in den wichtigsten Medien ähnlich heftig geführt wie im Netz. Der nationalkonservative Publizist Piotr Semka kritisierte, dass die Schuld der Polen mit der unendlich viel größeren Schuld der Nazis vermischt werde. „Wir werden zu Mittätern des Holocaust.“ In der linksliberalen Zeitung „Gazeta Wyborcza“ versammelten sich dagegen die Verteidiger des Films. „Es geht nicht um Schuld, sondern um Trauer“, schrieb die Kulturwissenschaftlerin Agnieszka Graff. „Es geht darum, dass wir spüren, was der Verlust unserer jüdischen Nachbarn bedeutet.“

Neu sind die Argumente nicht. Pasikowskis Film spielt auf das Massaker in Jedwabne im Juli 1941 an, das die polnische Gesellschaft seit mehr als einem Jahrzehnt bewegt. In Jedwabne ermordeten polnische Dorfbewohner mehrere Hundert ihrer jüdischen Nachbarn – allerdings mit deutscher Beteiligung. Pogrome von Polen gegen Juden gab es im und nach dem Weltkrieg auch andernorts, etwa 1946 in Kielce, als rund 40 Menschen starben.

Der in den USA lebende polnisch-jüdische Historiker Jan Tomasz Gross hat diese Vorgänge in seinen Büchern „Nachbarn“ (2001), „Angst“ (2006) und „Goldene Ernte“ (2011) auf teils provokative Art aufgearbeitet. In Polen habe es im 20. Jahrhundert einen tief verwurzelten Antisemitismus gegeben, der den Nazis ihr Schreckenswerk erleichterte, lautet die zentrale These des Autors. „Im Grunde haben die Deutschen die Drecksarbeit für die Antisemiten in Polen und ganz Europa gemacht“, sagte Gross einmal im persönlichen Gespräch.

Offen ist die Frage, ob Gross, Pasikowski und andere mit ihrer zugespitzten, mitunter auch überspitzten Argumentation der Sache selbst einen Gefallen tun. Unübersehbar ist, dass die Debatte über das Verhältnis zwischen Polen und Juden in eine Sphäre hinübergleitet, in der die „Sprache des Hasses“ regiert. Diesen Begriff benutzen Linksliberale und Nationalkonservative in Polen gleichermaßen, um die Polemik des politischen Gegners zu geißeln. Geholfen hat die wechselseitige Kritik nicht. Im Gegenteil: Die polnische Gesellschaft zeigt sich zu Beginn des Jahres 2013 zutiefst gespalten.

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