Statistik-Fan schlägt tätowierten Professor

Bei der Präsidentenwahl in Tschechien tritt am Freitag und Samstag ein buntes Feld an Bewerbern an. Mit dabei sind ein Kunstprofessor, den ein Ganzkörper-Tattoo ziert, und ein gefürsteter Graf. Favorit aber ist ausgerechnet der „Langweiler“ Jan Fischer, der einst das Zentrale Statistikamt leitete.

Das Amt scheint Querdenker und Quertreiber geradezu anzuziehen. Oder es ist umgekehrt: Wer in Tschechien Ideen hat und sich einmischt, der möchte am liebsten Präsident werden. Am Freitag und Samstag wählen mehr als acht Millionen Bürger zwischen Erzgebirge und Karpaten erstmals direkt ihr Staatsoberhaupt. Das Kandidatenfeld ist bunt wie stets in Tschechien.

Gesucht wird ein Nachfolger für den „EU-Hasser“ Vaclav Klaus, der vor zehn Jahren den Dichterpräsidenten Vaclav Havel beerbt hatte. Unter den neun Bewerbern finden sich ein blauhäutiger Kunstprofessor mit Ganzkörper-Tätowierung, ein  blaublütiger gefürsteter Graf, eine Klinikdirektorin, eine Schauspielerin und ein ehemaliger Regierungschef, dessen größte Leidenschaft mathematische Formeln sind. Letzterer, Ex-Premier Jan Fischer, führt die Umfragen an.

Wer auch immer es schafft: Er oder sie tritt ein komplexes Erbe an. Havel und Klaus haben dem Präsidentenamt ihren je eigenen Stempel aufgedrückt. Der vor gut einem Jahr verstorbene Dramatiker und Friedenspreisträger Havel holte Musiker, Schriftsteller und Philosophen in die Prager Burg und verwandelte die Residenz in ein Künstlerkabinett. Der selbsternannte Ultraliberale Klaus wiederum machte gegen alles mobil, was sich nicht in sein – vorsichtig formuliert – unorthodoxes freiheitliches Weltbild fügte. Zur Unterschrift unter den EU-Vertrag von Lissabon musste ihn das Verfassungsgericht zwingen. Und auch den Klimaschutz geißelte er in seinem Buch „Blauer Planet in grünen Fesseln“ Angriff auf die Freiheit.

Wie sehr sich jedoch bei Klaus Ideologie und Interessen überlagern, zeigt er in diesen letzten Tagen seiner Amtszeit. Zu Jahresbeginn erließ der Noch-Präsident eine Amnestie für rund ein Drittel der tschechischen Strafgefangenen. Von dem Gnadenakt profitieren vor allem prominente Wirtschaftskriminelle, denen eine Nähe zum Staatschef nachgesagt wird. Klaus hatte in den 90er Jahren als Ministerpräsident die von Betrugsfällen überschattete Privatisierung des sozialistischen Volkseigentums organisiert.

Von derlei Spielchen haben die meisten Tschechen längst genug. Deshalb auch ist Fischer Favorit auf die Klaus-Nachfolge. Der parteilose 63-Jährige leitete jahrelang das Zentrale Statistikamt. Zahlen und Formeln galt seine Leidenschaft schon während seines Wirtschaftsstudiums. Mit der Politik verband den Sohn eines Holocaust-Überlebenden lange Zeit wenig, obwohl er in den 80er Jahren der Kommunistischen Partei angehörte. Doch dann rief ihn der Präsident in der tiefen Krise des Jahres 2009 als Retter. Klaus machte Fischer zum Chef einer Expertenregierung.

In Prag hatten sich damals die Parteien kurz vor der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft derart ineinander verhakt, dass innenpolitisches Chaos und ein außenpolitisches Desaster drohten. Fischer verhinderte das Schlimmste. Das haben ihm seine Landsleute nicht vergessen, und so führt der als langweilig geltende dreifache Familienvater in den Umfragen mit rund 27 Prozent die Liste der Präsidentschaftskandidaten an – vor dem sozialdemokratischen Ex-Premier Milos Zeman mit rund 25 Prozent.

Der 68-jährige Zeman stand zwischen 1998 und 2002 einer Minderheitsregierung vor und betrieb damals vor allem Hinterzimmerpolitik. Später trennte er sich von seiner Partei CSSD im Streit. Populär machte ihn all das nicht. Doch im laufenden Wahlkampf punktete der einst gefürchtete Strippenzieher, indem er sich als einzigen Profi im Bewerberfeld präsentierte. „Ein linker Dummkopf ist ein größeres Risiko als ein rechter Profi – und natürlich umgekehrt“, sagt Zeman.

Ein Amateur ist Karel Fürst zu Schwarzenberg keineswegs. Dennoch rangiert der blaublütige amtierende Außenminister mit neun Prozent Zustimmung nur auf Rang drei der Umfragen. Die Tschechen achten den 75-jährigen Liberalkonservativen, der auch schon mit den Grünen liebäugelte. Doch dem Fürsten macht nach einer Herz-OP sein Alter zu schaffen. Bei wichtigen Veranstaltungen wurde er mitunter schlafend gesichtet.

Das passiert „Avatar“ Vladimir Franz nicht. Der Musiker und Kunstprofessor ist bei seinen Auftritten stets hellwach – und will seinerseits „diese Gesellschaft aufwecken“. Deshalb kandidiert der 53-Jährige, der von der Kopfhaut bis zu den Zehen bläulich tätowiert ist. Seine Studenten nennen ihn nach dem gleichnamigen Science-Fiction-Film „Avatar“. Die  Kandidatur des Tattoo-Professors gründet auf einer Kampagne im sozialen Netzwerk Facebook. Er ist der Kandidat einer unzufriedenen Jugend.

Dennoch haben weder Franz noch Schwarzenberg eine echte Chance auf den Wahlsieg. Das gilt auch für die übrigen fünf Kandidaten, unter denen sich drei Frauen finden. Die Lebensläufe der ehemaligen Fernsehjournalistin Jana Bobosikova, der Ärztin Zuzana Roithova und der Schauspielerin Tana Fischerova fügen sich durchaus in das Feld der schillernden Bewerber. Fischerova etwa sagt: „Die Liebe herrscht nicht, sie ist schöpferisch.“ Doch ob das reicht? Den Prognosen zufolge werden sich Fischer und Zeman Ende Januar in einer Stichwahl gegenüberstehen.

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