Die Polen sind Merkel-Fans

In Teilen Südeuropas ist Bundeskanzlerin Angela Merkel zur meistgehassten Politikerin geworden. Grund ist das angebliche deutsche Spardiktat in der Euro-Krise. Ganz anders in Polen. Dort bewundern die Menschen die Politik der Kanzlerin. Merkel erfreut sich jenseits der Oder ungebrochener Beliebtheit.

Fußballer würden von einem lupenreinen Hattrick sprechen. Angela Merkel hat im vergangenen Jahr zwar nirgendwo drei Tore in Folge erzielt. Zum Jahreswechsel kürten die Polen die Bundeskanzlerin allerdings einmal mehr zum beliebtesten ausländischen Politiker. Nach 2010 und 2011 machte Merkel damit den Dreifach-Triumph perfekt. Die Kanzlerin hatte die Liste bereits 2006 und 2007 angeführt. 2012 schlug sie sogar den soeben wiedergewählten Superstar Barack Obama aus dem Feld.

Der US-Präsident landete mit knapp 37 Prozent der abgegeben Stimmen nur auf dem Silbertreppchen, hinter Merkel mit 42 Prozent. Die Warschauer Deutschlandexpertin Agnieszka Lada kommentierte das Ergebnis mit den staatstragenden Worten: „Die Wahl Merkels ist nicht nur ein Beleg dafür, dass die Polen den Einfluss würdigen, den die Kanzlerin auf die Weltpolitik hat. Sie unterstützen auch ihr Handeln auf der europäischen Bühne.“

Man kann es auch krasser ausdrücken: Die ungebrochene Beliebtheit der Bundeskanzlerin im östlichen Nachbarland ist ein echter Hammer, wenn man bedenkt, wie die Menschen andernorts auf Merkel reagieren. In Griechenland und Portugal pfiffen Demonstranten die deutsche Regierungschefin zuletzt gnadenlos aus und zeigten Plakate, auf denen die Kanzlerin mit Hakenkreuzbinde dargestellt war. Auch in Großbritannien fahren vor allem Boulevardmedien immer wieder Weltkriegsgeschütz gegen Merkel auf und bemühen alte Feindbilder aus der Nazi-Zeit.

Auch die Polen stehen den Deutschen ja aus den bekannten historischen Gründen keineswegs ohne Vorbehalte gegenüber (um es einmal vorsichtig zu formulieren). Ihr Land war immerhin das erste Opfer des Vernichtungskrieges, den Hitler ab 1939 in Osteuropa führte. Was also hat Merkel, das die Polen so in ihren Bann schlägt?

Zu nennen ist zuallererst ein allgemeiner Trend, der gar nicht genug gewürdigt werden kann. Trotz aller Lasten der Geschichte bringen die Polen den Deutschen seit den friedlichen Revolutionen von 1989 und erst recht seit dem eigenen EU-Beitritt 2004 schnell wachsende Sympathie entgegen. Seit den 90er Jahren gilt der Ausspruch „Unser Weg nach Brüssel führt nur über Berlin“ als wichtigste Warschauer Diplomaten-Weisheit. Von dieser These profitiert Merkel bis heute. Die Kanzlerin gilt als entscheidende Fürsprecherin Polens in Europa.

Das Fanverhalten der Polen hat also handfeste Gründe. Für das deutsche Wahljahr 2013 rät Agnieszka Lada der Kanzlerin zu einem Trainingslager jenseits der Oder: „Vielleicht sollte Merkel öfter nach Polen reisen, um ihre Akkus aufzuladen.“

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