Das große Schlachten

In Polen gehört ein frischer Karpfen zu Weihnachten wie der Tannenbaum und die katholische Messe. Mitunter hat das martialische Folgen. Viele Polen kaufen lebende Fische im Supermarkt und halten die Tiere tagelang in der Badewanne, bis am Heiligen Abend der Hammer fällt. Es ist ein Blutbad zur Bescherung.

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„Sei kein Henker!“ Tierschützer protestieren bei einem Happening in Warschau gegen das alljährliche polnische „Karpfenmassaker“ zu Weihnachten. (Fotos: Krökel)

Der Fisch schlägt schwerfällig mit der Schwanzflosse hin und her. Solange die Kraft noch reicht und soweit es der Platz erlaubt, kämpft der Karpfen um sein Überleben – eingepfercht in einen Plastikbeutel und kaum von Wasser bedeckt. Marcin Nowak hält das Tier in der durchsichtigen Tüte vor seinem Bauch. „Karpfen sind sehr widerstandsfähig“, behauptet er. Der Mittvierziger steht ruhig und ein wenig stolz an der Kasse eines Warschauer Hypermarktes. In dem gigantischen Einkaufszentrum vor den Toren der Stadt hat der Familienvater die wichtigsten Zutaten für das Weihnachtsmahl eingekauft. „Ein frischer Karpfen gehört unbedingt dazu“, erklärt er. Die Betonung liegt auf „frisch“.

In zwei von drei polnischen Haushalten ist es ähnlich. Der Karpfen ist dort zentraler Bestandteil der Menüfolge am Heiligen Abend. Rund zehn Millionen der dickbäuchigen Süßwasserfische werden in Polen jährlich zum Fest gefangen, getötet und verspeist. Das sind 90 Prozent der „Ernte“, wie die Züchter sagen. Doch der Weihnachtsbrauch gerät zunehmend in Verruf. Tierschützer begehren lautstark gegen das große Schlachten auf. „Vergnüge dich nicht als Henker! Kauf keinen lebenden Karpfen!“, lautet das Motto der Umweltorganisation „Klub Gaja“, die in diesen Adventstagen mit einer groß angelegten Kampagne gegen das „Gemetzel am Heiligen Abend“ mobil macht. Auch Generalstaatsanwalt Andrzej Seremet fühlte sich bereits genötigt, ein Ende der Tierquälerei einzufordern. Karpfen müssten laut Gesetz „auf humane Weise getötet werden“, ließ er mitteilen.

Ein Blutbad zur Bescherung: Tatsächlich ist weniger das Fischessen an sich in die Kritik geraten als vielmehr die Art der Vor- und Zubereitung. Als Geheimnisse der polnischen Karpfenkochkunst gelten die richtige Auswahl des Tieres und vor allem seine Frische. Ein echter Weihnachtskarpfen dürfe erst am Heiligen Abend getötet werden, erklärt Nowak. Er legt alljährlich über der Badewanne selbst Hand an. „Dort schwimmt der Fisch bis zum Fest im Wasser. Dann gibt es einen Hieb mit dem Hammer – und Schluss“, sagt der Familienvater.

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Wie ein Fisch in der Tüte: Protestaktion gegen Tierquälerei  in Warschau.

Oft reiche ein Schlag jedoch nicht aus, kritisieren Tierschützer. Viele Karpfen würden in polnischen Haushalten zu Weihnachten mit stumpfen Messern regelrecht massakriert. „Jeder hat das Recht, Fisch zu essen. Aber niemand hat das Recht, wie ein Foltermeister Tiere grausam zu quälen“, sagt der Vorsitzende des „Klub Gaja“, Jacek Bozek. Gemeinsam mit einem Dutzend Mitstreitern demonstriert er an diesem eisigen Dezembertag in einer Warschauer Fußgängerzone. Die Aktivisten haben sich die Gesichter mit Karpfenbildern bemalt. Plastikfolie auf den Köpfen symbolisiert die Qualen, die Fische beim Lebendtransport erleiden.

Die meisten Passanten strömen ungerührt vorbei. „Viel zu vielen Polen ist das Leiden der Fische gleichgültig“, sagt Bozek. „Das wollen wir ändern.“ Deshalb appellieren die Tierschützer an den Verstand der Kunden. „Erschöpfte und gequälte Fische verlieren an Geschmack“, erklärt Bozek. Das bestätigt auch Zbigniew Szczepanski von der Fisch-Vermarktungsgesellschaft „Pan Karp“ (Herr Karpfen). „Wer einen lebenden Karpfen kauft, sollte ihn nicht in einer Plastiktüte quälen, sondern in Spezialgefäßen befördern und den Fisch möglichst schnell nach Hause transportieren“, rät er. Bozek kontert: „An dem weihnachtlichen Gemetzel über der Wanne ändert das nichts.“

Heftig wehren sich die Tierschützer gegen den Vorwurf, eine uralte polnische Tradition zerstören zu wollen. „Der Brauch, lebende Karpfen zu kaufen, hat sich erst zu kommunistischer Zeit eingebürgert, weil es damals an anderen Nahrungsmitteln mangelte“, erklärt Bozek. „Das muss also nicht so bleiben.“ Möglicherweise hilft ein Strategie-Mix aus verschärften Gesetzen, Strafen und Aufklärung, damit das Heiligabendmenü künftig keine Henkersmahlzeit mehr ist. Bei den berühmten polnischen Weihnachtsgänsen war dieses Vorgehen erfolgreich. Stopfmast ist in Polen seit vielen Jahren untersagt und inzwischen auch gesellschaftlich geächtet – anders als in Frankreich und Ungarn.

One comment

  1. Bei uns wurde auch immer ein Karpfen in der Badewanne gehalten. Allerdings meinstens nur einen Tag. Ich war dann immer traurig als er „geschlachtet“ wurde. In Deutschland kann man aber auch lebendige Karfen kaufen, oder wurde das geändert?

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