Offenbarungseid der Smolensk-Ermittler

Die Serie der Erimittlungspannen nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine in Russland im April 2010 reißt nicht ab. Unvermittelt gibt es neue Hinweise auf Sprengstoff am Wrack der Tupolew 154M, in deren Trümmern Staatschef Lech Kaczynski starb.

Der Ermittlungseifer der polnischen Militärstaatsanwälte im Fall Smolensk nimmt immer bizarrere Züge an. „Wir haben die Sprengstoffdetektoren an eine Flasche Parfüm, eine Dose Schuhcreme und an ein Würstchen gehalten. Jedes Mal hat das Gerät TNT-Alarm ausgelöst“, erklärte Chefankläger Ireneusz Szelag in der vergangenen Woche bei einer Anhörung im Parlament. Mit seinen Ausführungen über den kuriosen Wursttest läutete er die nächste Runde im Streit um die Flugzeugtragödie von Smolensk ein – jener nationalen Katastrophe, die sich zunehmend zu einer Katastrophe der ermittelnden Behörden entwickelt.

Beim Absturz der polnischen Präsidentenmaschine im dichten Nebel von Smolensk waren am 10. April 2010 Staatschef Lech Kaczynski und 95 weitere hochrangige Repräsentanten der Nation ums Leben gekommen. Seither gibt es Spekulationen über einen Anschlag. Genährt werden sie vor allem von der rechtskonservativen Partei PIS des überlebenden Präsidentenbruders Jaroslaw Kaczynski. An jedem 10. eines Monats erinnert die PIS an die Katastrophe. So auch an diesem Montag. In einem Bericht über den Ermittlungsstand „28 Monate nach Smolensk“ verkündet die Kaczynski-Partei einmal mehr: Es war ein Attentat.

Die Ermittler weisen dies konsequent zurück. „Dafür gibt es keine Belege“, sagt Szelag und hat viele gute Argumente auf seiner Seite. So hat der Flugschreiber keine Explosion an Bord aufgezeichnet. Doch an Szelags Glaubwürdigkeit gibt es spätestens seit dem jüngsten TNT-Test an der polnischen Wurst Zweifel. Der Staatsanwalt musste im Parlament eingestehen, dass die Detektoren nicht nur bei dem Würstchen, sondern auch bei Untersuchungen am Wrack der Kaczynski-Maschine angeschlagen hatten.

Noch im Oktober hatte Szelag jeglichen Fund explosiver Stoffe an der Tupolew 154 öffentlich bestritten. Die Zeitung „Rzeczpospolita“ hatte damals eine Enthüllungsgeschichte über den Nachweis von „TNT am Wrack der Tupolew“ veröffentlicht. Nach dem Dementi des Staatsanwalts mussten der Chefredakteur, sein Vize und der Verfasser des Textes ihren Hut nehmen. Jetzt stellt sich heraus: Möglicherweise war die Zuspitzung des Artikels falsch. Stichhaltige Anhaltspunkte für den Bericht gab es aber durchaus.

Die Faktenlage in der TNT-Affäre ist klar. Im Frühherbst, zweieinhalb Jahre nach der Tragödie, untersuchten polnische Spezialisten das Wrack der Tupolew erneut – angeblich mit modernster Technik. Dabei schlugen die Detektoren an und vermeldeten einen TNT-Fund. Um diesen Anfangsverdacht auszuräumen, unterzogen die Ermittler die Geräte dem Würstchentest. Ergebnis laut Szelag: Die gepriesenen Apparate sind eklatant unzuverlässig. Das wiederum bestreitet der Entwickler der Detektoren vehement. „Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Wenn das Gerät TNT-Spuren anzeigt, dann sind dort auch TNT-Spuren“, sagte ein Vertreter der Herstellerfirma bei der Parlamentsanhörung.

Es gibt folglich nur zwei Möglichkeiten, was passiert sein kann. Entweder haben sich Szelags Spezialisten auf ungeeignete Messgeräte verlassen und diese öffentlich als Hightech ausgegeben. Oder es gab TNT-Spuren am Wrack, und die Staatsanwaltschaft hat versucht, dies zu verschleiern. Beide Varianten sind hochgradig peinlich für die Ermittler und kommen einem Offenbarungseid gleich. Die PIS fordert Szelags Rücktritt und die Wiedereinstellung der „Rzeczpospolita“-Redakteure.

Die am Wrack genommenen Proben werden nun weiter analysiert. Das aber könne noch mehrere Monate dauern, erklären die Staatsanwälte. „Warum so lange?“, fragen nicht nur PIS-Politiker. „Das ist reichlich dubios“, sagt selbst der sozialistische Abgeordnete Ryszard Kalisz, ein bekennender Kaczynski-Gegner. Kalisz hält zwar nichts von der Anschlagstheorie. Dennoch wundert er sich heftig, „warum es die TNT-Analyse nicht bereits 2010 gegeben hat“. Augenscheinlich müssten die Staatsanwälte „erst noch lernen, sich klar auszurücken“.

Auch die Bevölkerung reagiert zunehmend irritiert auf die Widersprüche bei den Smolensk-Ermittlungen. Fast jeder dritte Pole glaubt inzwischen, dass Lech Kaczynski einem Anschlag zum Opfer gefallen ist. Verwundern kann das angesichts der Pannenserie bei den Ermittlungen kaum. Zuletzt hatten die Staatsanwälte mehrere Leichen von Smolensk-Opfern ausgraben lassen, um die Identität zweifelsfrei zu klären. Dabei stellte sich heraus, dass mindestens vier Tote im Chaos nach dem Absturz unter falschem Namen beigesetzt worden waren. Weitere Exhumierungen sollen folgen.

Doch schon in den zweieinhalb Jahren zuvor gab es zahlreiche Ermittlungsfehler. So ist noch immer nicht geklärt, ob sich der polnische Luftwaffenchef Andrzej Blasik beim verheerenden Landeanflug auf Smolensk im Cockpit der Kaczynski-Maschine aufhielt und Druck auf die Piloten ausübte. Das hatte die russische Untersuchungskommission behauptet und zugleich erklärt, Blasik sei angetrunken gewesen. Die polnische Seite bestreitet dies. Bis heute ist es Szelags Spezialisten allerdings nicht gelungen, den Stimmrekorder der Tupolew zweifelsfrei auszulesen.

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