„Es ist großartig in Europa“

Am kommenden Montag erhält die EU den Friedensnobelpreis. Kritiker wie der südafrikanische Bischof Tutu halten dies für falsch. Er moniert, dass die EU nicht nach einer weltweiten Friedensordnung ohne Militär strebe. Was sagen dazu europäische Soldaten? Ein Gespräch im Offizierskasino über Krieg und Frieden…

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Soldaten des Multinationalen Korps Nordost vor dem Abflug nach Afghanistan im Februar 2010. (Foto: Cihon)

Dezente Musik erfüllt den Raum. Major Norbert Hrib bittet den Mann hinter der Bar dennoch, die Anlage auszustellen. Nichts soll die Ruhe dieses Gesprächs im Offizierskasino stören, eines Gesprächs über Krieg und Frieden. Dazu sind wir in den „Baltic Barracks“ verabredet. Die Ostseekaserne im westpolnischen Stettin ist die Heimat des Multinationalen Korps Nordost, genauer gesagt: der Stabsführung. Mehr als 200 Offiziere aus elf europäischen Staaten sind hier stationiert. Sie führen den Befehl über neun Nato-Divisionen. Viele der Soldaten waren in Afghanistan im Einsatz oder im Irak. Sie kennen den Krieg, den Tod und den Terror.

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Norbert Hrib (Foto: UK)

„Über Frieden unterhalten wir uns selten.Wir sind Profis und reden meistens über unseren Job“, sagt Hrib. Nach kurzem Nachdenken fügt er hinzu: „Natürlich ist Frieden unser Job.“ Der 40-jährige Major mit den dunklen Haaren und den sanften braunen Augen stammt aus dem Osten der Slowakei. Er lächelt viel und lacht gern. Das Gespräch beginnt er mit einem Scherz über das gebrochene „Tschetschenen-Englisch“, das zur multinationalen Kommunikation in den Barracks diene. Der Barmann bringt Kaffee. Dann beginnt er Bier zu zapfen. Auf dem Tresen reiht sich bald ein Glas an das nächste.

„Das wird ein Icebreaker“, erklärt Boris Schnelle. Der Oberstleutnant der Bundeswehr ist Presseoffizier. Er hat das Gespräch über den Frieden organisiert und möchte zuhören. Nun mischt er sich ein, damit kein falscher Eindruck entsteht. „Das ist nicht unser Feierabendbier. Heute beginnen im Führungsstab die Beratungen über eine Großübung im kommenden Jahr. Da ist es üblich, nach dem ersten Treffen gemeinsam ein Bier zu trinken, um das Eis zu brechen.“ Es ist eine andere Form der multinationalen Kommunikation.

Hrib schmunzelt zustimmend. Er schwärmt von der „speziellen Atmosphäre in diesem Korps, in dem Menschen aus so vielen Ländern so gut zusammenarbeiten“. Der Slowake sucht kurz nach den passenden Worten. Dann sagt er schlicht: „Europe works.“ Europa funktioniert. Dafür erhält die EU in wenigen Tagen den Friedensnobelpreis. Seit sechs Jahrzehnten habe die Union zur friedlichen Entwicklung auf dem alten Kontinent beigetragen, urteilte die Jury in Olso. Außerdem habe die EU nach dem Ende des Kalten Krieges zahlreiche osteuropäische Staaten integriert. „Das setzen wir in Stettin fort“, sagt Schnelle. „Das Korps ist zwar Teil der Nato-Strukturen, aber es sind nur zwei Amerikaner hier. Wir haben eine starke europäische, vor allem osteuropäische Komponente.“ Kurz: Ein kontinentales Friedenswerk.

Desmond Tutu sieht die Dinge anders. Der südafrikanische Bischof, der 1984 selbst den Friedensnobelpreis erhalten hat, protestierte kürzlich gegen die Auszeichnung für die EU. „Sie strebt nicht nach der Verwirklichung der von Alfred Nobel ersehnten globalen Friedensordnung ohne Militär“, erklärte Tutu. Major Hrib kennt diese Kritik noch nicht, als er sagt: „Wir wollen Kriege verhindern oder beenden.“ Soldaten als Friedensstifter. Doch kann der Export europäischer Werte nach Afghanistan oder in den Irak auf diese Weise funktionieren?

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Marcin Przybylski (UK)

„Das scheint mir eine recht politische Frage zu sein“, entgegnet Hrib,der 2010 als ISAF-Offizier in der Taliban-Hochburg Kandahar im Einsatz war. Er will ungern antworten. Marcin Przybylski kommt dem Kameraden zu Hilfe. „Ja, natürlich sind wir stolz darauf!“, ruft der polnische Major. Er hat fast unbemerkt am Tisch Platz genommen. Oberstleutnant Schnelle hat den 36-Jährigen, der 1999 der erste polnische Nato-Offizier war, ebenfalls zu dem Gespräch eingeladen. Wenig später stößt noch die polnische Sanitätssoldatin Jolita Bolen dazu. Weitere Offiziere des Korps betreten das Kasino und lauschen gespannt. Die Worte über den Frieden, der in der Kaserne so selten Thema ist, entfachen die Neugier.

„Wir bringen dem afghanischen Volk Frieden. Warum sollen wir das nicht offen sagen?“, fragt Przybylski, der 2004 im Irak gedient hat. Anders als der zurückhaltende Major Hrib spricht er laut und entschlossen. Der Pole ist davon überzeugt, dass Soldaten sich nicht für ihre Arbeit und ihre Gefühle schämen müssen. „Im Irak-Einsatz habe ich nirgendwo Frieden gespürt, nicht einmal im Camp, auch im Zelt nicht, nicht einmal im Bett“, erzählt Przybylski. Er hat, wie Hrib auch, zwei kleine Kinder. Sie kamen nach dem Auslandseinsatz zur Welt. „Im Irak saß mir die Gefahr ständig im Nacken. Im Kopf herrschte permanent Ausnahmezustand.“

Hrib hat es in Afghanistan ähnlich erlebt. „Selbst im Camp spürst du den Krieg. Du hast ihn ständig um dich. Du siehst die Folgen: die verletzten Menschen, die Zerstörung.“ Die Bilder von Leid und Tod sind in den Köpfen der Soldaten stets abrufbar. Die Sanitätssoldatin Jolita Bolen, die im Irak gedient hat, erinnert sich „vor allem an die verwundeten Kinder, die bei uns eingeliefert wurden. All die verbrannte Haut! Im Irak Mutter zu sein, ist etwas anderes, als in Polen Kinder zu haben.“ Bolen hat einen Sohn und eine Tochter, 14 und 16 Jahre alt. „Ich sage ihnen immer: Der Frieden ist das Wichtigste.“

Auf dem Tresen stehen bereits zwei Dutzend Gläser Bier, um das Eis zwischen den Offizieren zu brechen, die noch immer im Beratungszimmer sitzen. Im Kasino ist das Gespräch über den Frieden an einem Punkt angelangt, an dem die persönlichen Gefühle alles Politische und Militärische in den Hintergrund drängen. Ob der Irak-Krieg gerechtfertigt und sinnvoll war oder die Afghanistan-Mission erfolgreich, das wollen und sollen die Soldaten nicht entscheiden. So sind die Regeln ihres Jobs. Eines aber weiß Major Przybylski genau: „Als ich vor dem Rückflug aus dem Irak auf der Gangway stand, habe ich gedacht: Wow! Das ist gut, das ist sehr gut, jetzt geht es nach Hause. Ich bin glücklich, dass ich in Polen lebe. Es ist großartig in Europa.“

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Jolita Bolen (Foto: UK)

Das klingt nobelpreiswürdig.Die Männer und Frauen, zu deren Arbeit der Krieg gehört, haben alle Ähnliches erlebt und sind sich in ihrem Urteil einig. „Ich habe erst im Irak richtig begriffen, was es heißt, in Europa im Frieden zu leben“, sagt Sanitätssoldatin Bolen. Major Hrib liebt die Fahrten aus Stettin zum Weihnachtsmarkt im nahen Berlin. „Europa ist ein Ort, an dem die Menschen frei sind, überall hinzugehen. Dort, wo Krieg herrscht, ist das anders”, erklärt der Soldat.

Der südafrikanische Bischof Tutu sagt: „Die EU ist eindeutig kein Vorkämpfer für den Frieden.“ Zwei weitere Nobelpreisträger, die nordirische Friedensaktivistin Mairead Maguire und der argentinische Menschenrechtler Adolfo Pérez Esquvel, haben sich Tutus Protest angeschlossen. Alle drei haben erlebt, wie Soldaten und Polizisten Tod und Leid über ihre Länder gebracht haben. Und doch lässt sich die Frage, ob Europa ohne Militär ein friedlicherer Ort wäre, kaum sicher mit einem Ja beantworten.

Oberstleutnant Schnelle erzählt zum Abschied von seinen Erfahrungen als Deutscher im einst preußischen Stettin, das als Szczecin seit dem Zweiten Weltkrieg zu Polen gehört. „Als ich vor drei Jahren herkam, hatte ich Bedenken: Kann man sich in Stettin in deutscher Uniform auf der Straße zeigen? Das war 70 Jahre nach dem Angriff auf Polen am 1. September 1939. Aber es hat sich schnell herausgestellt: Man kann sich hier problemlos in Bundeswehruniform zeigen. Die Stettiner sind sehr zuvorkommend. Ich bin nicht ein einziges Mal auf der Straße beschimpft worden.“ Die deutsch-polnische Aussöhnung gehört zu Europas Erfolgsgeschichten.

Dann ist es soweit. Immer mehr Offiziere des multinationalen Korps strömen aus dem Beratungssaal ins Kasino und greifen zum Bier. Das letzte Eis bricht schnell.

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Offiziere des Multinationalen Korps bei einem Besuch in Brüssel (Foto: Cihon)

Stichwort: Die EU und ihr Militär
Die Europäische Union verfügt seit dem Gipfel von Amsterdam 1997 über eine gemeinschaftliche Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Strategische Entscheidungen fällen die Regierungen der 27 Mitgliedsstaaten einstimmig. Über eine eigene Armee verfügt die EU nicht. Sie greift auf Soldaten der Mitgliedsländer zurück. Über die Bereitstellung entscheiden die nationalen Regierungen. Seit Beginn des Jahrtausends gibt es multinationale schnelle Eingreiftruppen der EU. Hauptaufgabe sind friedenserhaltende Missionen wie in Bosnien-Herzegowina. Militärisch steht die EU allerdings weiterhin im Schatten der Nato. Sie bildet das Fundament der kontinentalen Sicherheitsarchitektur und prägt im globalen Maßstab die Verteidigungspolitik der westlichen Staatengemeinschaft.

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