Auch der Fleiß hat seinen Preis

In Deutschland und Polen tobt eine Debatte über die Strebsamkeit der eigenen Bürger. Auslöser war ein öffentliches Bekenntnis von Bundespräsident Joachim Gauck, der die Nachbarn jenseits der Oder für fleißiger hält als die Deutschen. Aber ist das eigentlich lobenswert?

Fleißig, fleißig! In einem Kraftakt errichtete Polen vor der Fußball-EM 2012 neue Stadien, baute Autobahnen und Flughäfen. (Foto: Krökel)

Fleißig, fleißig! In einem Kraftakt errichtete Polen vor der Fußball-EM 2012 neue Stadien, baute Autobahnen und Flughäfen. (Foto: Krökel)

Bundespräsident Joachim Gauck wollte seinem Amtskollegen Bronislaw Komorowski nur schnell ein Kompliment machen. Die Polen seien heutzutage fleißiger als die Deutschen, sagte Gauck zu Wochenbeginn bei einem Treffen mit Komorowksi. Seither verstummt die Debatte über den Ausspruch weder dies- noch jenseits der Oder. Ganze Zahlenkolonnen wurden bereits veröffentlicht, die über jährlich geleistete Arbeitsstunden, Urlaubsansprüche und unbezahlte Überstunden Auskunft geben.

Warum nur hört beim Fleiß der Spaß auf? Offenkundig steht und fällt mit der Wertschätzung für Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordnung und Fleiß vor allem für viele Deutsche das Selbstverständnis der Nation. Es ist kaum ein Zufall, dass die „schwäbische Hausfrau“ Angela Merkel angesichts ihrer EU-Sparpolitik in der Heimat hohe Popularität genießt. Derweil ergießen sich Hohn und Häme über „die faulen Griechen“ und andere vermeintlich unzuverlässige Südeuropäer.

Angesichts dieser Gefechtslage ist es natürlich ein herber Schlag für die Deutschen, vom ersten Mann im Staate hören zu müssen, dass die ebenfalls als notorische Faulenzer geltenden Polen plötzlich fleißiger sein sollen als die unermüdlich rackernden eigenen Leute. Und doch hat Gauck recht. Das zeigen nicht nur die erwähnten Zahlenkolonnen. Auch die Alltagseindrücke vor Ort lassen nur diesen Schluss zu. Als Korrespondent in der Boomstadt Warschau erlebe ich auf Schritt und Tritt Menschen, die mit Zweit- und Drittjobs an ihrem persönlichen Wirtschaftswunder arbeiten.

Bleibt die Frage, ob das wirklich gut und lobenswert ist. Man muss ja nicht so weit gehen wie Oskar Lafontaine, der einst behauptete, mit Fleiß, Disziplin und anderen Sekundärtugenden könne man auch ein KZ leiten. Fakt ist: Im Falle der Polen ist die neue Fleißkultur nicht zuletzt ein Ausdruck sozialer Missstände. Vor allem viele junge Menschen haben schlicht keine andere Wahl, als sich in mehreren Jobs gleichzeitig aufzureiben. Die Löhne sind oft zu niedrig, um den Lebensunterhalt zu garantieren.

Nicht von ungefähr hat der postkommunistische Kapitalismus in Polen den Begriff der „Müllverträge“ hervorgebracht. Das sind Arbeitsverträge für Berufseinsteiger, die keinerlei soziale Absicherung gewähren. Kündigungsschutz ist in vielen Unternehmen ein Fremdwort. Deshalb gilt: So bewundernswert das polnische Wirtschaftswunder auch ist – unsere fleißigen Nachbarn sollten aufpassen, dass sie in ihrem Eifer nicht von einem kollektiven Burnout-Syndrom ausgebremst werden.

One comment

  1. Ja Polen sind fleißig…“Arbeite hart, werde zeitig zum Krüppel, und sterbe früh“. Traumvision jedes Liberalen….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.