Klitschkos härtester Kampf

Am Sonntag wählen die Ukrainer ein neues Parlament. Box-Weltmeister Vitali Klitschko mischt die politische Szene auf. Er gilt als Hoffnungsträger all jener Menschen, die von dem Dauerstreit zwischen den verfeindeten Lagern entnervt sind. Noch aber ist der autoritäre Präsident Viktor Janukowitsch Herr im Ring.

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Ein Klitschko-Video flimmert über eine Großleinwand in Kiew. (Fotos: Krökel)

Vitali Klitschko hat die Mechanismen der ukrainischen „Demokratie“ bereits am eigenen Leib erfahren.Im Sommer schickten schwer bewaffnete Polizisten den Zwei-Meter-Mann mit Tränengas auf die Bretter. Der Box-Weltmeister hatte gemeinsam mit Hunderten Demonstranten gegen ein neues Sprachengesetz protestiert. Präsident Viktor Janukowitsch wollte in der ehemaligen Sowjetrepublik ausgerechnet das Russische aufwerten lassen. Der Kampf zog sich über Wochen hin. Am Ende gewann Janukowitsch.

Der autoritäre Staatschef hält die Macht in der Ukraine fest in Händen. Doch in diesen Oktobertagen fordert Klitschko den Präsidenten erneut heraus. Mit seiner Partei Udar (Schlag) ist der 41-Jährige in den Wahlkampf-Ring gestiegen. Am Sonntag entscheiden rund 30 Millionen Bürger über die Zusammensetzung des Parlaments, der Obersten Rada. „Ich fighte für eine demokratische Ukraine“, hämmert Klitschko seinen Landsleuten bei täglichen Kundgebungen ein.

Der Star, der längst ein gemachter Mann ist, zeigt vollen Einsatz. Mehrere Zehntausend Kilometer hat er auf seiner Wahlkampftour im zweitgrößten Flächenstaat Europas bereits zurückgelegt. Mit Erfolg: In jüngsten Umfragen boxte sich Udar auf den zweiten Platz vor – knapp hinter Janukowitschs Partei der Regionen, aber noch vor der Allianz der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko. Doch Klitschko wäre nicht Klitschko, wenn er sich mit Rang zwei zufrieden gäbe. „Wir werden siegen“, prophezeit er im Stil eines Champions.

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Wahlkampf in Kiew: 2008 wollte Vitali Klitschko Bürgermeister in der Hauptstadt werden.

Es wäre allerdings der erste politische Triumph des Seiteneinsteigers.2006 und 2008 hatte sich Klitschko bereits um den Bürgermeisterposten in Kiew beworben. Er scheiterte an einem Gegner, der als notorisch korrupt gilt. Der doppelte K.o. zeigte das Dilemma des Sportprofis auf, der in der politischen Arena ein Amateur und Außenseiter ist: Bislang haben im ukrainischen Machtkampf stets Seilschaften, Geld und Gewalt über Sieg und Niederlage entschieden.

Zum Vergleich: Der Multimillionär Klitschko steckt fünf bis zehn Millionen Euro in den Wahlkampf. Hinter Janukowitsch dagegen stehen gleich mehrere milliardenschwere Wirtschaftsbosse. Der Präsident beherrscht zudem Polizei und Justiz. „Wir werden in unserer Kampagnen von den Behörden behindert, wo sie nur können“, klagt Klitschko. Schlimmer noch: Janukowitsch ließ Julia Timoschenko nach einer Prozessfarce einsperren.

Doch auch die Oppositionsführerin, die Heldin der orangen Revolution von 2004, kennt im politischen Kampf wenig Skrupel. „Sie hätte ihre Gegner am liebsten mit den gleichen Mitteln niedergerungen, die Janukowitsch anwendet“, erklären unabhängige Beobachter. In dieser Atmosphäre einer mehr als defekten Demokratie mutet Klitschkos Credo eher weltfremd an. „Wir teilen Europas demokratische Werte und sehen darin ein Modell für die Ukraine“, sagt der Udar-Chef.

Was treibt den 41-Jährigen und seine Mitstreiter an? Im Interview erklärte Klitschko schon vor Monaten seine Motivation: „Meine Parteifreunde und ich gehören einer neuen Generation an. Wir sind nach dem Zerfall der Sowjetunion in Freiheit aufgewachsen. Wir wollen unsere Ziele durch harte Arbeit erreichen und nicht, indem wir das Land ausplündern. Wir werden die Zukunft der Ukraine gestalten.“

Realistisch ist das vorerst nicht. Selbst wenn Klitschkos Partei stärkste Kraft in der Rada werden sollte, wäre der unmittelbare Effekt gering. Janukowitsch hat nach seinem Sieg gegen Timoschenko bei der Präsidentenwahl 2010 staatsstreichartig die Verfassung ändern lassen. Seither steht das Parlament dem Staatschef weitgehend machtlos gegenüber. Ohnehin eilt der Rada ein miserabler Ruf voraus. Prügeleien, Boykotte und Blockaden prägen das Bild im Hohen Haus. Zuletzt flogen die Fäuste, als sich die Abgeordneten im Streit um das Sprachengesetz eine Massenschlägerei lieferten. „Der Parlamentarismus in der Ukraine ist tot“, sagt selbst der langjährige Präsident der Rada, Wladimir Litwin.

Klitschko lässt diese Probleme nicht an sich heran. Er kämpft unverdrossen weiter. Am vergangenen Freitag lehnte er es ab, ein Wahlbündnis mit der Timoschenko-Allianz zu unterzeichnen. Eine spätere Zusammenarbeit im Parlament schließt Klitschko zwar nicht aus. Seit Langem setzt er sich auch für eine Freilassung der Oppositionsführerin ein. Doch vieles deutet darauf hin, dass Klitschko seinen Weg ohne Timoschenko bis zu Ende gehen will. Das Ziel wäre demnach ein Duell mit Janukowitsch bei der Präsidentenwahl 2015. Der schwergewichtige Staatschef hat in seiner Jugend ebenfalls geboxt. Als Amateur, versteht sich. Und dennoch: Es wäre Klitschkos härtester Kampf.

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