Skandal um die Toten von Smolensk

Nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine in Russland im April 2010 wurden Leichen falsch identifiziert oder vertauscht. Nach mehreren Exhumierungen erhalten Verschwörungstheorien neuen Auftrieb.

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Immer in Schwarz: Jaroslaw Kaczynski trägt seit zweieinhalb Jahren Trauer. (Foto: Krökel)

Jaroslaw Kaczynski trägt noch immer Trauer. Auch zweieinhalb Jahre nach der Flugzeug-Katastrophe von Smolensk zeigt sich der polnische Oppositionsführer nur in Schwarz. Am 10. April 2010 war sein Zwillingsbruder, Staatschef Lech Kaczynski, ums Leben gekommen, als die Präsidentenmaschine mit 96 Menschen an Bord in Russland abstürzte. Am 10. Oktober 2012 signalisiert Jaroslaw Kaczynskis schwarze Kleidung: Nichts ist vergessen und vorbei.

Lange wurde Kaczynski von politischen Gegnern wegen seiner Verbohrtheit verspottet. Doch der 63-Jährige hat Recht behalten. Nichts ist vorbei. Pünktlich zum 10. Oktober verlängerte die Staatsanwaltschaft die Untersuchungen der Smolensk-Katastrophe erneut um ein halbes Jahr. Wichtigster Grund: Es gibt erhebliche Zweifel daran, dass die Leichen der Absturzopfer korrekt identifiziert und beigesetzt wurden. Polnische Medien fragen bereits: „Ruht Lech Kaczynski wirklich in der Gruft der Krakauer Königsburg?“

Die Ermittler haben bereits mehrere Leichen exhumieren lassen. Ende September förderte das unappetitliche Schauspiel eine erste traurige Gewissheit ans Tageslicht. Die sterblichen Überreste der Solidarnosc-Mitbegründerin Anna Walentynowicz sind bei der Identifizierung in Moskau im April 2010 verwechselt worden. Das ergaben DNA-Tests. In mindestens vier weiteren Fällen wollen die Staatsanwälte nach der Wahrheit graben lassen.

Wie konnte es zu dieser Katastrophe nach der Katastrophe kommen? Der polnische Arzt Dymitr Ksiazek, der die Identifizierung in Moskau ungeplant mit betreute, hatte es kommen sehen. „Sie werden noch einmal alle Leichen exhumieren“, habe er nach seiner Rückkehr zu seiner Frau gesagt. „In Moskau herrschte am 11. April 2010 Chaos“, berichtet der Arzt. „Ich war gekommen, um die Angehörigen medizinisch zu betreuen. Dass ich bei der Identifizierung helfen sollte, wusste ich nicht. Plötzlich standen wir im Leichen-Kühlraum.“

Die Schuld an dem Chaos gibt Ksiazek den Russen. „Polnische Spezialisten mit DNA-Testgeräten wurden nicht zu den Toten gelassen. Es fehlte sogar an Dolmetschern.“ Derartige Berichte riefen nicht nur die Kaczynski-Partei PIS, sondern auch die Hinterbliebenen auf den Plan. Viele scheuen sich jedoch, ihr Einverständnis zur Exhumierung zu geben oder diese sogar einzufordern. Bozena Mikke, die Frau eines hohen Richters, der in Smolensk ums Leben kam, erklärt: „Ich war damals in Moskau. Uns wurden schmutzige Körper gezeigt, die auf Steintischen lagen. Alles roch stark nach Kerosin.“ Sie sei „schrecklich aufgewühlt“ gewesen. „Aber ich habe meinen Mann identifiziert.“

Soll Mikke nun an ihren Sinnen zweifeln? Sie sieht dafür keinen Grund. Nicht ausgeschlossen ist aber auch, dass Leichen nach der Identifizierung vertauscht wurden. Im Fall Lech Kaczynskis ließ die PIS inzwischen mitteilen, es sei sicher, dass der Präsident in der Krakauer Königsgruft ruhe und niemand anderes. Zweifel hegen die Nationalkonservativen dagegen weiterhin an der offiziellen Version des Unglückshergangs in Smolensk. PIS-Chef Jaroslaw Kaczynski deutet immer wieder an, dass sein Bruder Opfer eines Anschlags wurde – ausgeführt vom russischen Geheimdienst, assistiert von der polnischen Regierung unter Donald Tusk.

Ernst zu nehmende Hinweise für ein Attentat gibt es nicht. Allerdings ist die Unglücksursache noch immer nicht eindeutig geklärt. Vieles spricht dafür, dass die Präsidentenmaschine im dichten Nebel von Smolensk abstürzte, weil die polnischen Piloten und die russischen Fluglotsen unter Druck von höherer Stelle handelten und fatale Fehler begingen. Doch das Chaos bei der Identifizierung der Leichen gibt jenen Auftrieb, die an eine Verschwörung glauben. Von künstlich erzeugtem Nebel über Smolensk ist die Rede oder von einer Bombenexplosion an Bord des Kaczynski-Fliegers.

„Was wollten die Russen vertuschen, als sie polnische Spezialisten daran hinderten, die Opfer korrekt zu identifizieren?“, fragen PIS-nahe Medien zweieinhalb Jahre nach dem Unglück. Kaczynskis Widersacher Donald Tusk gerät zunehmend in Erklärungsnot. Der Regierungschef entschuldigte sich bereits bei den Hinterbliebenen für das Trauerspiel um die falschen Leichen. Doch vergessen und vorbei ist die Tragödie damit noch nicht.

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