Besser ohne Zorn

Überraschendes Urteil in Moskau: Die Pussy-Riot-Sängerin Jekaterina Samuzewitsch kommt frei. Sie sei bei dem Skandal-Auftritt in der Erlöser-Kathedrale nicht dabei gewesen, urteilte das Gericht. Die beiden anderen Punks müssen für zwei Jahre in ein Straflager. Ein Kommentar…

Wer Wladimir Putins Politik in den vergangenen zwölf Jahren beobachtet hat, den kann das Berufungsurteil gegen Pussy Riot nicht überraschen. Einsicht hat der Kremlchef noch nie gezeigt. Eine Entscheidung zu überdenken und gegebenenfalls zu korrigieren, das ist für den starken Mann Russlands nichts als ein Zeichen der Schwäche. Die Freilassung einer der drei jungen Frauen ändert daran nichts. Es ist der Versuch, die Potemkinsche Fassade eines Rechtsstaats aufrechtzuerhalten.

Putins Russland ist jedoch alles andere als ein Rechtsstaat. Die Entscheidungen in wichtigen Prozessen fallen im Kreml, nicht im Gerichtssaal. Wladimir Putin hat sich nach den Massenprotesten des Winters und seiner wenig überzeugenden Wiederwahl im März dazu entschlossen, der Opposition mit Härte zu begegnen. Der Prozess gegen Pussy Riot ist dafür nur das sichtbarste Zeichen.

Der Westen sollte sich genau überlegen, wie er mit diesem Russland dauerhaft umgehen will. Am Dienstag die Fertigstellung der Ostseepipeline zu feiern, um am Mittwoch das Unrechtsurteil gegen die Punk-Damen zu kritisieren – das passt nicht zusammen. Der gedankenlose Pragmatismus der Putin-Versteher im Westen ist ebenso fehl am Platz wie der missionarische Eifer der Putin-Verächter. Denn auch dies hat das Pussy-Verfahren gezeigt: Zorn kann blind machen, auch für eigene Werte.

Die Wut jener, die sich über die Prozess-Farce empören, ist nachvollziehbar. Bei all dem sollte aber nicht übersehen werden, dass die Frauen bei ihrem skandalösen Auftritt in der Moskauer Erlöser-Kathedrale die Grenzen des guten Geschmacks weit überschritten und tatsächlich religiöse Gefühle verletzt haben. Wer das kürzlich veröffentlichte, widerwärtige Mohammed-Video aus  den USA zu Recht kritisiert, sollte darüber im Fall Pussy Riot nicht ohne Weiteres hinweggehen.

Immerhin: Die drei Punks haben sich in der Verhandlung am Mittwoch für ihr Verhalten bei den Gläubigen entschuldigt. Diese Einsichtsfähigkeit, die sie von Wladimir Putin fundamental unterscheidet, sollte man den jungen Frauen hoch anrechnen. Dennoch wäre es besser, wenn westliche Politiker an einer neuen Russland-Strategie arbeiten würden, statt auf Empörungswellen zu surfen. Letzteres mag der Popularität im eigenen Land dienen. Die russische Bevölkerung erreicht man auf diese Weise nicht.

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