Auf Schleichfahrt

Die Züge von Breslau nach Berlin brauchen heute zwei Stunden länger als vor dem Zweiten Weltkrieg. Über die Schuldfrage ist nun ein deutsch-polnischer Streit entbrannt.

Wer mit der Bahn zwischen Schlesien und der benachbarten Lausitz unterwegs ist, begibt sich auf eine deutsch-polnische Zeitreise der anderen Art. Die Züge schleichen über teils eingleisige, teils nicht elektrifizierte Trassen. Mehr als fünf Stunden dauert die Fahrt von Breslau ins nur 320 Kilometer entfernte Berlin. „Das sind zwei Stunden mehr als vor dem Zweiten Weltkrieg“, rechnete die polnische Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ kürzlich vor und benannte auch gleich den Schuldigen: „Auf deutscher Seite tut sich nichts.“ Das Blatt zitierte einen Mitarbeiter des Verkehrsministeriums in Warschau mit den Worten: „Das ist doch absurd! Wir haben Hunderte Millionen Euro ausgegeben, um unsere Bahn an Westeuropa anzubinden, aber jenseits der Grenze fahren wir in ein Nichts.“

In Polen wächst die Enttäuschung über Deutschland – den großen und vermeintlich so perfekten Nachbarn im Westen. Während die polnische Staatsbahn PKP Schienenstränge erneuere, Brücken und Bahnübergänge baue, ruhe die Arbeit jenseits der Oder. „Vielleicht sollten wir lieber unsere Strecken im Osten ausbauen“, schimpft der Ministerialbeamte und verweist darauf, dass auch die Züge zwischen Stettin und Berlin vom deutschen Planungsstillstand ausgebremst würden. Dabei hatten sich Deutschland und Polen erst vor einem Jahr bei einem Besuch von Kanzlerin Angela Merkel in Warschau auf eine Projektliste zum Ausbau der gemeinsamen Infrastruktur geeinigt.

Die Diplomaten in Warschau, die das Abkommen seinerzeit ausgehandelt haben, sind zunehmend genervt von ihren Partnern im Westen. In Deutschland fehle der Wille, die Vereinbarungen umzusetzen, heißt es. Die Bundesregierung und auch die Deutsche Bahn hätten offenkundig kein Interesse daran, Worten und Verträgen Taten folgen zu lassen. Grund dafür seien vermutlich die wirtschaftlichen Probleme und die Abwanderung der Bevölkerung in Ostdeutschland. Keine Menschen – keine Kunden.

In Berlin kann man die Attacken nicht nachvollziehen. „Die Vorwürfe sind unberechtigt“, sagte eine Sprecherin des Bundesverkehrsministeriums dieser Zeitung. „Der Ausbau der grenzüberschreitenden Bahnverbindungen hat für Deutschland sehr hohe Priorität.“ Für Verzögerungen in Einzelfällen trage die polnische Seite die Verantwortung. Ein Abkommen zum grenzüberschreitenden Bahnbetrieb sei nur deshalb noch nicht in Kraft getreten, weil Warschau den Vertrag nicht ratifiziert habe. Daran sei bislang auch der Ausbau der Strecke Stettin-Berlin gescheitert, fügte eine Sprecherin der Deutschen Bahn auf Anfrage hinzu. „Konkrete Planungen können wir erst aufnehmen, wenn die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen sind.“ Kein Vertrag – keine Modernisierung.

In Polen hält man das für „typisch deutsche Ausreden“. Die Ratifizierung stehe unmittelbar bevor. Wo ein Wille sei, sei auch ein Weg. Tatsache ist, dass Polen dank Milliardenhilfen aus Brüssel seine Infrastruktur in den vergangenen Jahren umfassend modernisiert hat. Vor der Fußball-Europameisterschaft im Juni wurden 2000 Kilometer Schienen erneuert, darunter die Strecken von Warschau und Breslau bis zur Oder-Grenze. Die Deutsche Bahn ihrerseits setzt bei der Modernisierung andere Prioritäten, wie nicht nur der umstrittene Bau des Bahnhofs Stuttgart 21 zeigt. Bahnchef Rüdiger Grube berichtete am Montag von Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe, um Züge und Gleise fit für den Winter zu machen.

Fakt ist allerdings ebenso, dass der polnischen PKP selbst im eigenen Land der Ruf eines Chaos-Unternehmens vorauseilt. Auch auf innerpolnischen Strecken wie der zentralen Verbindung Warschau-Danzig sind die Züge teilweise langsamer als vor dem Weltkrieg. Hinzu kommt, dass auf den polnischen Strecken nach Berlin immer wieder Kabel-Diebstähle den Verkehr lahmlegen. Das Fazit jenseits aller Schuldzuweisungen kann deshalb nur lauten: Vom Geist der deutsch-polnischen Annäherung ist auf den Schienen im Herzen Europas wenig zu spüren. Der Streit droht nun die Regierungskonsultationen Mitte November zu überschatten.

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