Big Walesa is watching you

Polens Freiheitsheld Lech Walesa möchte Politikern einen Chip ins Hirn pflanzen lassen. Keine schlechte Idee…

Wer als Journalist aus einem fremden Land berichtet, ist im Prinzip für alles zuständig. Ob es um frühkindliche Erziehung geht, um den Einsatz der Mittel aus dem EU-Kohäsionsfonds oder um eine heimliche Rallye-Fahrt des dauerverletzten polnischen Formel-1-Piloten Robert Kubica: Der Korrespondent muss es wissen oder sich zumindest schlau machen. Diese Allzuständigkeit wiederum hat den Vorteil, dass der Berichterstatter sich nicht dafür rechtfertigen muss, dass er (rein dienstlich, versteht sich!) zum Fußball statt zum Chopin-Konzert geht – oder umgekehrt. Sich nicht ständig erklären zu müssen, hat etwas Befreiendes.

Polens Volksheld und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa weiß das sicher gut. Der frühere Arbeiterführer ist schließlich so etwas wie ein Experte für die Freiheit, seit er 1980 den Solidarnosc-Aufstand und 1989 die friedliche Revolution in Polen anführte. Aber Walesa war dank seiner Freiheitsliebe immer auch ein wenig unberechenbar. Noch mit 68 Jahren spielt er zuweilen den Klassenkasper. Er liebt es, Freund wie Feind eine Nase zu drehen.

Nur vor diesem Hintergrund ist vermutlich Walesas neueste Provokation zu verstehen. In einem harmlosen Radio-Interview über Gott und die Welt schlug der Ex-Präsident plötzlich vor, allen Politikern einen Überwachungs-Chip ins Hirn zu pflanzen. „Darauf warte ich schon lange. Jede Bewegung und jede Äußerung müsste öffentlich werden: Mit wem schläft er? Was macht er? Wie viel Geld hat er?“, erklärte Walesa und hielt zugleich tapfer das Banner der Freiwilligkeit hoch: „Willst du Politiker werden, musst du dir einen Chip einpflanzen lassen.“

War das ein Witz? Es war wohl eher eine Übertreibung. Der Spruch erinnert an den gigantischen Kugelschreiber mit Papst-Emblem, mit dem Walesa 1980 die Einigung mit dem antikatholischen kommunistischen Regime unterzeichnete. Den Chip wiederum wünschte Walesa zuallererst seinem politischen Erzrivalen Jaroslaw Kaczynski ins Hirn, dem er (fast) alles Schlechte dieser Welt unterstellt.

Mich freut, dass noch nicht vom Chip für Korrespondenten die Rede ist und ich am Sonnabend zum Fußball und am Sonntag zum Chopin-Konzert gehen kann, ohne mich erklären zu müssen. Den Politiker-Chip dagegen finde ich nicht schlecht. Er würde die journalistische Recherche erleichtern. Wer schläft mit wem? Wunderbar! Noch besser wäre ein Mechanismus, der auch die Vergangenheit aufklärt. Ein solcher Chip könnte zum Beispiel in Erfahrung bringen, ob Walesa in den 70er Jahren mit der Stasi zusammengearbeitet hat. Er bestreitet das. Manches allerdings spricht dafür.

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