Polen schießt mit der Fußball-EM ein Eigentor

Hohe Verluste im Bausektor trüben das konjunkturelle Dauerhoch im Wirtschaftswunderland. Schuld daran ist die EM-Strategie der Regierung Tusk.

Europas ökonomischer Topstürmer gerät ins Straucheln: Im Boomland Polen hat die Fußball-EM zumindest kurzfristig mehr Schaden angerichtet als Nutzen gestiftet. In der Baubranche droht eine Pleitewelle, die Hunderte Unternehmen vernichten sowie Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung in die Höhe treiben könnte. „Das ist eine tickende Zeitbombe“, kommentierte am Montag die Zeitung „Gazeta Wyborcza“.

Hintergrund ist das gewaltige Infrastruktur-Programm, das der Staat vor der Europameisterschaft im vergangenen Juni aufgelegt hat. Für mehr als 20 Milliarden Euro wurden Straßen und Stadien gebaut, Schienen verlegt und Flughäfen modernisiert. Zum Zuge kamen bei der vermeintlich lukrativen Auftragsvergabe jene Unternehmen, die das günstigste Angebot unterbreiteten. Dabei aber „verzockten“ sich viele Betriebe. Für den verabredeten niedrigen Preis waren die Arbeiten nicht zu schaffen. Die Folge: Allein die Branchenriesen PGB und Polimex machten im zweiten Quartal zusammen eine halbe Milliarde Euro Verlust.

In die Klemme geraten aber auch viele kleinere Unternehmen, Zulieferer und die Banken, die zur EM milliardenschwere Kredite vergeben haben. Experten warnen deshalb vor einem Dominoeffekt. Zu viele Pleiten in der Baubranche könnten wie bei der Hypothekenkrise in den USA 2008 die Gesamtwirtschaft in den Abgrund reißen. „700.000 Menschen arbeiten auf dem Bau und erwirtschaften fast sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts“, rechnete die „Gazeta Wyborcza“ vor. Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit von derzeit rund 12 auf mehr als 14 Prozent im Herbst gilt inzwischen als wahrscheinlich – es wäre die höchste Quote seit sechs Jahren.

Die regierungskritische Zeitung „Rzeczpospolita“ sieht bereits „finstere Wolken“ über Polen heraufziehen. Doch nicht alle Beobachter sehen derart schwarz. Tatsächlich gilt die polnische Wirtschaft als außergewöhnlich robust. Seit dem EU-Beitritt 2004 verzeichnete das Land ein in Europa einzigartiges Dauerwachstum mit Werten zwischen drei und sieben Prozent. Verantwortlich dafür ist vor allem die ungebrochen starke Binnennachfrage. Selbst im weltweiten Rezessionsjahr 2009 legte das BIP in Polen gegen jeden Trend zu. Für das laufende Jahr rechnen die Experten trotz globaler Konjunktureintrübung mit 2,3 Prozent Wachstum.

Die US-Ratingagentur Moody’s hat Polen zuletzt sogar heraufgestuft, zumal die Staatsfinanzen als solide bewertet werden. Die Analysten aus New York vertrauen zudem auf die Reformpläne der Regierung von Donald Tusk. Die Rente mit 67 Jahren hat der rechtsliberale Premier bereits durchgesetzt. Im Herbst sollen weitere Strukturreformen folgen. Gerät die Wirtschaft allerdings durch die EM-Pleiten weiter aus dem Tritt, dürften die geplanten Einschnitte immer schwerer zu vermitteln sein. Die Gewerkschaft Solidarnosc hat bereits einen „heißen Herbst“ angekündigt.

Die Verantwortung tragen der Hobby-Fußballer Donald Tusk und seine Regierungsmannschaft. Sie haben sich quasi durch eine falsch gestellte Abseitsfalle selbst in Schwierigkeiten gebracht. Das Prinzip, die marode Infrastruktur zur Fußball-EM möglichst kostengünstig modernisieren zu lassen, hat sich als Fehler erwiesen. Von seinen neuen Autobahnen wird Polen zwar noch lange profitieren. Doch die Milliarden, die der Staat beim Bau gespart hat, wird er nun mit Zinsen zurückzahlen müssen. Wirtschaftsminister Waldemar Pawlak hat bereits großzügige Hilfen für jene Unternehmen angekündigt, denen wegen der EM die Pleite droht. Und auch für die höhere Arbeitslosigkeit wird der Staat aufkommen müssen. Billig, so lernen die Polen dieser Tage, ist nicht immer gut.

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