Schneebälle im Sommer

In Polen gerät Ministerpräsident Tusk in den Affären-Dschungel seines Sohnes.

Erinnert sich in Deutschland noch jemand an Christian Wulff? Das war jener Bundespräsident, der unter dem Druck der Öffentlichkeit zugeben musste, wie er von seinen hohen Ämtern profitiert hat. Ein Kostenlos-Urlaub hier, ein zweifelhafter Kredit dort. Am Ende fügten sich die an sich kleinen Vergehen zu einem Skandal, der den Präsidenten das Amt kostete.

In Polen scheint dieser Tage eine ähnliche Lawine ins Rollen zu kommen. Wenn es schlecht für ihn läuft, wird sie Ministerpräsident Donald Tusk unter sich begraben. „Premier oder  Betrüger?“, fragte in dieser Woche die Boulevardzeitung „Fakt“, das polnische Pendant zur „Bild-Zeitung“. Die „Bild“ hatte bekanntlich maßgeblichen Anteil am Wulff-Niedergang.

Was hat Tusk getan? Zunächst ging es nur um seinen Sohn Michal. Der 30-jährige Journalist heuerte im Frühjahr insgeheim als Berater bei der Billigfluglinie OLT Express an. Zugleich arbeitete er weiter als Luftfahrtexperte für die „Gazeta Wyborcza“ – und jubelte der Zeitung ein Interview mit dem OLT-Chef unter, das er selbst geschrieben hatte, und zwar nicht nur die Fragen, sondern auch die Antworten. Wenig später stieg Michal Tusk als PR-Mann beim Danziger Flughafen ein. Dort soll der Politikersohn geheime Informationen über die Konkurrenz an OLT weitergegeben haben.

Ans Licht gebracht hat die Affäre der zwielichtige Danziger Finanzinvestor Marcin Plichta, dessen Firma Amber Gold soeben mit einem Riesenknall pleitegegangen ist. Nach ersten Erkenntnissen der Anti-Korruptions-Polizei soll Plichta ein Schneeballsystem aufgebaut haben, bei dem Gewinne nur so lange entstehen konnten, wie die Zahl der Geldgeber wuchs. Mit anderen Worten: Lug und Betrug. Plichta jedoch ist auch Eigentümer von OLT.

Was aber hat Tusk senior damit zu tun? Plichta war nicht nur Arbeitgeber, sondern auch guter Bekannter von Tusk junior. Das allein reichte den notorisch misstrauischen Medien, um das Verhältnis zwischen dem Premier und seinem Filius unter die Lupe zu nehmen. Böse Zungen mutmaßen, der Vater könnte dem Sohn den lukrativen Posten beim Danziger Flughafen verschafft haben. Donald Tusks Tochter Katarzyna (25) wiederum arbeitet in der Modebranche. Auch ihr werfen Neider vor, vom berühmten Namen zu profitieren. Jetzt heißt es, ihr Freund sei mit dem Dienstwagen des Regierungschefs unterwegs gewesen.

Noch ist nichts Gravierendes passiert. Indes: So oder so ähnlich begann es auch bei Wulff. Am Ende entwickelte sich daraus ein Skandal mit der Mechanik eines Schneeballsystems. Premier Tusk sollte sich aösp schon einmal warm anziehen. Auch im August kann politischer Gegenwind eisig sein.

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