Die heiligen Pussy-Punks

Auf meinen Kommentar zum Pussy-Riot-Urteil habe ich die erwartet scharfen Reaktionen bekommen – eine Entgegnung.

Mir war klar, dass meine Einlassung zu dem Urteil eine Gratwanderung war. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten, z.B. hier. Die wenigsten Leser haben leider verstanden, dass ich nicht das politisch motivierte Verfahren, das unverhältnismäßige Urteil oder gar Putins Semidiktatur rechtfertigen wollte. Vielleicht hätte ich das klarer formulieren sollen.

Wie tief aber muss man in diesen Tagen des kollektiven Pussy-Zorns in die Schublade greifen? Muss man tatsächlich etwas von stalinistischen Schauprozessen, Hexenjagd und Inquisition faseln, um Volkes Zorn über das Urteil gerecht zu werden? Wer diese abstrusen Parallelen zieht, hat sich vermutlich noch nie mit Stalins Mord-Maschine und den Folterknechten der Päpste befasst (z.B. in der „RP“ via „Focus“).

Zugegeben: Auch mein Vergleich mit der Neonazi-Band hinkt. Ich würde ihn so nicht wieder ziehen. Vielleicht hätte ich lieber von einem israelischen Araber schreiben sollen, der in einer Jerusalemer Synagoge ein Punkgebet rockt, den Oberrabbiner als Hund schmäht und Gott bittet, Regierungschef Netanjahu zu vertreiben. Ja, ich weiß: Auch dieser Vergleich hinkt. Interessant wäre es aber schon, zu beobachten, wie die Debatte in Deutschland dann verliefe.

Mir geht es zuallererst um die  Doppelmoral in der Diksussion. Wo waren denn all die westlichen Kritiker, als im verganenen Herbst in Weißrussland nach einer Prozess-Farce zwei junge Männer schuldig gesprochen wurden, eine Bombe in der Minsker U-Bahn gelegt zu haben? Die beiden sind inzwischen tot, hingerichtet per Genickschuss. So macht das Diktator Lukaschenko. Habe ich die Protestschreie von Madonna bis Merkel nur verpasst, als die Mutter eines der Jungen um Gnade für ihren Sohn flehte? Ganz zu schweigen von Barack Obama, dem Erbverwalter in Guantanamo, der das Pussy-Urteil auch besonders schlimm findet.

Am selben Tag, an dem die Pussy-Punks schuldig gesprochen wurden, verurteilte ein Gericht in Kiew den ehemaligen Timoschenko-Minsiter Juri Luzenko zum zweiten Mal. Noch nie gehört den Namen? Vier Jahre Haft sitzt der Mann derzeit ab. Er steht in Opposition zu Präsident Janukowitsch, wurde im Gefängnis vermutlich gezielt mit Hepatits C infiziert und ist todkrank. Aber wen interessiert das schon, da doch in Moskau drei schöne junge Frauen für zwei Jahre ins Straflager geschickt wurden?

Mich würde interessieren, ob die Empörungswelle im Westen genauso hoch geschwappt wäre, wenn in dem Moskauer Glaskäfig nicht junge Mütter gesessen hätten, sondern drei gepiercte Männer mit abgerissenen Klamotten und Irokesenschnitt, die in der Nase popeln statt verführerisch zu lächeln. Hätte ein gleich lautendes Urteil nach dem gleichen Punkgebet dieser drei den gleichen Zorn im Westen entfesselt? Nie und nimmer! Da gehe ich jede Wette ein. Und würden sich die Menschen (in Deutschland wohlgemerkt, nicht in der Ukraine!) um Timoschenko scharen, wenn sie nicht die „schöne Julia“ wäre und nicht eine noch schönere Tochter hätte?

Es sind moderne Märchen, die hier erzählt werden. Sie handeln von den mächtigen bösen Männern (Putin, Janukowitsch), die unschuldige schöne Frauen einkerkern lassen (Timoschenko und die Pussy-Punks). Leider trifft nur der erste Teil der Erzählung zu. Putin und Janukowitsch sind ohne Zweifel finstere Gestalten. Timoschenko und die Pussy-Frauen aber sind keine Heiligen. Sie taugen nicht zu Märtyrerinnen. Das war der wesentliche Ansatz meines Kommentars.

Immerhin wissen im Westen inzwischen einige Menschen, dass Timoschenko in den 90er Jahren selbst eine berüchtigte Oligarchin war. Das Punkgebet von Pussy Riot  aber wird hierzulande durch die Bank zur Bagatelle herabgeredet. „Zwei Jahre Haft für eine Minute Action in der Kirche“, heißt es immer wieder – als sei die Dauer der Aktion in irgendeiner Weise maßgeblich. Wer dem Papst ins Gesicht spuckt, braucht dafür im Zweifel nur eine Sekunde.

Das Punkgebet von Pussy Riot war, dazu stehe ich, weit mehr als eine Geschmacklosigkeit. Es ging auch keineswegs um die Meinungsfreiheit oder einen rein politischen Protest. Wäre dem so, hätten die jungen Frauen VOR der Kirche rocken können. Sie hätten ihre Kirchenkritik bei öffentlichen Konzerten kundtun oder die entpsrechenden Videos ins Internet stellen können. All das ist noch immer möglich im Putin-Land.

Zehntausende Russen haben im Winter mutig, kreativ und auch provokativ gegen Putin demonstriert. Den Punk-Damen war das nicht genug. Ihnen ging es um den gezielten Tabubruch IN der Kirche. Sie haben dort den Patriarchen als „Hund“ beschimpft und vor den heiligen Ikonen den „göttlichen Dreck, Dreck, Dreck“ besungen. Sie für diese Religionsschmähung  zur Verantwortung zu ziehen, auch gerichtlich, finde ich richtig. Ob die russisch-orthodoxe oder irgendeine andere Kirche die Kritik verdient hat, tut dabei nicht das Geringste zur Sache.

Persönlich bin ich weder gläubig noch fromm. Ich bin aus meiner Kirche ausgetreten, aus Überzeugung. Ich halte viel vom säkularen Staat. Aber gerade weil ich die Religionen auf ihr „Kerngeschäft“, den Glauben, reduziert wissen möchte, brauchen die Gläubigen Rückzugsmöglichkeiten in ihren Kirchen. Wir sollten die Menschen ernst nehmen, die dort mit sich und Gott die letzten Fragen aushandeln. Es ist eine Sache des Respekts und der Toleranz. Im Übrigen ist die Bekenntnisfreiheit in Artikel 4 des Grundgesetzes als Grundrecht festgeschrieben. Und für Fälle, in denen es an Einsicht und Respekt  mangelt, hat der deutsche Gesetzgeber den Paragrafen 166 StGB geschaffen, der Religionsschmähung mit Strafe bedroht, und zwar zu Recht, wie ich finde.

Wem all das nicht zu denken gibt, der sollte sich einmal überlegen, warum die Mehrheit der Russen das Urteil gegen Pussy Riot richtig findet. Und dann sollte er sich fragen, ob nicht die maßlose Kritik im Westen einfach nur belehrend, besserwisserisch und selbstverliebt ist (jedenfalls in den Fällen, in denen die Kritiker sich nicht gleich direkt in eine der drei jungen Pussy-Punks und ihr Lächeln verliebt haben).

4 comments

  1. Sehr geehrter Herr Krökel,

    ihr Vorschlag, um die Gläubigen der Kirche zu achten, hätte Pussy-Riot ihre Protestaktion auch vor dem „Heiligen Haus“ zum Ausdruck bringen können.
    Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion darf sich der mündige russische Bürger wieder zu seiner Orthodoxen Kirche offiiziell bekennen. Die russische Seele verflucht und liebt den Popen, immer in der Hoffnung, Gott wird schon helfen. Besser wird es für es trotzdem nicht, im Gegenteil.
    Sie sind aus der Kirche ausgetreten, sind sie jetzt ein Atheist und ich darf sie, weil ich ein Islamist bin an den Pranger stellen. Sie haben in ihrem Artikel auch nur bewertet und gegenübergestellt. Welche Religion ist denn nun gut für uns Menschen?
    Welchen Stellenwert hat Religion in unserer Welt, Wie unaufgeklärt ist die Menschheit.
    Wenn sie versuchen einem Kind zu erklären, daß unser Universum undendlich ist und was kommt nach dem Tod, was wäre ihre Antwort?

  2. Es geht nicht um eine Minute Protest. Googeln Sie nach „Kunstgruppe Wojna“ (Krieg). Es ist nicht die erste Aktion dieser Art. 2008 gab es eine Gruppenorgie im Biologischen Museum Moskaus, als Provokation gegen das Regime, versteht sich. Danach eine Penis-Bruecke in St. Petersburg. Im Februar 2012 eine Aktion auf dem Roten Platz (www.welt.de/politik/ausland/article13826717/Russische-Feministinnen-erobern-den-Roten-Platz.html). Dieser ganze Protest unter der Guertellinie will man uns als eine legitime Meinungsausserung verkaufen. Die Christi-Erloser-Kathedrale war auch nicht die erste Kirche, wo die Damen konzertiert hatten. Im Unrechtsstaat Putins, wie Sie schreiben, blieb das alles ohne rechtliche Konsequenzen. Aber jetzt haben viele Russen gesagt, das Mass ist voll. Nach einem enormen Druck aus dem Ausland und viel Medienhype, noch vor der Urteilsverkuendung, war das eine logische Reaktion. Wer zeigt in Deutschland dafuer Verstaendnis? Atheisten und einige Katholiken. Wer ist tief besorgt? Christliche Politiker a la Merkel und Schockenhoff und die EKD.

  3. Werter Herr Krökel,

    die Kritik an ihrem Kommentar zu Pussy Riot ist aus meiner Sicht sehr berechtigt, weil Sie nicht nur analytische Fehler machen und sich inhaltlich widersprechen, sondern auch genau die Methode verwenden, die Sie Pussy Riot vorwerfen: Provokation. Ein Nazivergleich muss es schon sein, selbst wenn dies nicht im Geringsten auch nur irgendetwas mit der Materie zu tun hat. Sie bekommen die von Ihnen erwarteten scharfen Reaktionen auf Ihre Provokation, nun ja, die hat die Gruppe Pussy Riot auch bekommen. Zwei Jahre für 1 Minute. In Deutschland würde selbst mit einem erfüllten Straftatbestand des § 166 StGB solch ein Urteil nicht fallen, das unterschlagen Sie in ihrem Kommentar leider. In deutschen Rechtsstaat gibt es das Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Aber das interessiert ja offensichtlich nicht weiter, viel lieber argumentieren Sie positivistisch, man solle sich doch gefälligst nicht über die Strafe echauffieren, so einige geschmacklose Aktion gehört nuneinmal bestraft. Aber selbst die russische Justiz kümmert sich bisweilen nicht so sehr um Gewaltenteilung und Rechsstaatlichkeit, mithin dürfte es einigen Richter*innen Sch****egal sein, ob ihre Urteile sich an geltendes russisches oder internationales Recht halten, wenn der lupenreine Demokrat Putin oder Väterchen Kyrill II. sich melden.

    Sie begründen ihren Ruf nach einer Strafe u.a. auch mit den verletzen Gefühlen der Gläubigen, dass deren Rückzugsraum gestört wurde und dem damit zum Ausdruck kommenden fehlenden Respekt. Das kann doch nicht ihr Ernst sein: da begeben sich 3 Frauen für ca. 1-2 Minuten (wahrschneilich hätten sie die Aktion noch etwas länger durchgezogen, wenn nicht Leute eingegriffen hätten) in eine Kirche und rufen und singen dort, und für Sie ergibt sich daraus ein Eingriff in die Freiheit der russichen Gläubigen? Das klingt mir eher nach Gefühlsduselei eines Franz Josef Wagners (Bild-Kollumnist), als nach einer seriösen Begründung für ein Strafverfahren.

    Sie nutzen sodann auch wieder einen Vergleich (ein israelischer Araber in einer Kirche in Jerusalem!!), die völlig wirr klingen und die Aktion von Pussy Riot lediglich auf ihren oppositionellen Aktionscharakter reduziert. Daher habe ich das Gefühl, dass Sie Pussy Riot nicht verstanden haben: Pussy Riot ist keine partei-politische Opposition, die sich über institutionelle Wege Einfluss oder durch Demonstrationen Gehör verschaffen will – Pussy Riot ist ein anarchistisches, emanzipatorisches Kunstprojekt, dass aus der Zivilgesellschaft kommt und auf seine Art und Weise dem autokratischen, menschenverachtenden, antidemokratischen und korrupten System Putin den Kampf angesagt hat. Wenn wir im „Westen“ unsere Solidarität mit diesen Frauen ausdrücken, die aus unserer Perspektive nicht nur „schönen Mädels“ sind, wie sie hier immer wieder fein herausarbeiten, sondern eine notwendige Form des Protestes, dann, weil Russland im Jahre 2012 ein ungerechtes System ist. Und das zeigt der ganze Prozess um Pussy Riot ja auch sehr eindrucksvoll.

    Und zu ihrem Nicht-Einmischungs-Argument zum Schluss: Die russischen Staatsbürger haben das gute Recht, diesen Prozess und die Strafe als richtig zu empfinden. Ich für meinen Teil habe deshalb nicht weniger das Recht, mich mit Pussy Riot zu solidarisieren und Missstände in der russischen Gesellschaft anzuprangern. Wenn alle wegschauen, Sie wüssten genau, wohin das führen würde, sprechen Sie dass doch selber in einigen Beispielen an, die Ihrer Meinung nach nicht genug Aufmerksamkeit bekommen haben. Aber bei Pussy Riot sind dann alle „besserwisserisch, belehrend und selbstverliebt“.

  4. Wie kann man denn Ihrer Meinung nach sich für Pussy Riot stark machen ohne gleich in die in diesem Fall überall lauernde Sexismusfalle zu tappen? Sollte das Engagement abnehmen um bloß nicht sexistisch zu erscheinen? Warum müssen die denn auch noch so gut aussehen? Oder haben nur Sie das bemerkt und sind hier der einzige, der mit seinem messerscharfen Verstand in der Lage ist einen sexismuskritischen Diskurs anzustoßen? Vielleicht wissen ja die heilige Mutter Gottes und Kyrill II. Rat aus dieser Zwickmühle…

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