Mit kleinen Schritten zur großen Versöhnung

Historische Reise: Erstmals besucht ein russisch-orthodoxer Patriarch Polen.

Seine Probleme mit dem Pussy-Punk begleiten den Patriarchen bis nach Polen. Kirill I., das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, hat am Freitag im Warschauer Königsschloss mit den höchsten Bischöfen des katholischen Nachbarlandes eine historische Versöhnungserklärung unterzeichnet. Fast zeitgleich jedoch verurteilte ein Moskauer Gericht drei Mitglieder der Punkband „Pussy Riot“ zu drei Jahren Haft.

Die Aktivistinnen hatten den Patriarchen in seiner Kathedrale als „Hund“ beschimpft, der an Präsident Wladimir Putin statt an Gott glaube. Kirill forderte ein hartes Urteil. EU-Politiker dagegen kritisierten den Prozess scharf. Nun könnte der Schuldspruch in Moskau den Patriarchen in Warschau um den Erfolg seiner historischen Reise bringen, die noch bis Sonntag dauert.

Es ist das erste Mal, dass ein russisch-orthodoxer Kirchenführer Polen besucht. Doch dort warten viele Russland-Kritiker nur auf eine Gelegenheit, die kirchliche wie auch die nationale Versöhnung der Nachbarn zu torpedieren. Anna Fotyga etwa, die in der Regierung des nationalkonservativen Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski einst Außenministerin war, erklärte: „Putin unterdrückt das eigene Volk. Und die russische Politik gegenüber Polen verhindert jede Aussöhnung. Ich kann auch nicht erkennen, dass Patriarch Kirill eine positive Rolle spielt.“ Bis heute fehle in Moskau zudem der Wille, die Flugzeugkatastrophe von Smolensk aufzuklären, bei der 2010 der polnische Präsident Lech Kaczynski ums Leben kam.

Die Liste der polnisch-russischen Konfliktherde ließe sich mühelos verlängern. Da ist zum Beispiel der Dauerstreit über einen westlichen Raketenschild. Und da ist nicht zuletzt die schleppende Aufarbeitung des stalinistischen Massenmordes in Katyn an Zehntausenden polnischen Offizieren im Jahr 1940. Der liberale polnische Regierungschef Donald Tusk versucht seit seinem Amtsantritt 2007 zwar, die Gräben einer jahrhundertealten Feindschaft zu überbrücken. Doch der Erfolg ist mäßig. Können die Kirchenführer nun erreichen, was der Politik bislang nicht gelungen ist?

„Wir appellieren an die Gläubigen, um Vergebung zu bitten für das Leid, Ungerechtigkeiten und alles Übel, das wir uns gegenseitig zugefügt haben. Dies ist der erste und wichtigste Schritt, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, ohne das es keine Versöhnung geben kann“, heißt es in der Versöhnungserklärung. Bei der gemeinsamen Feier im Warschauer Schloss betonten die Kirchenführer, dass es nicht das Ziel des Dokuments sein könne, die Geschichte neu zu schreiben. „Aber wir machen einen Anfang.“

Erzbischof Michalik hatte die polnisch-russische Erklärung bereits vor der Unterzeichnung mit dem berühmten Briefwechsel deutscher und polnischer Bischöfe aus dem Jahr 1965 verglichen. „Wir vergeben und bitten um Vergebung“, schrieben damals die Kirchenführer und ebneten 20 Jahre nach dem Grauen des Weltkriegs den Weg zu Willy Brandts neuer Ostpolitik und der Aussöhnung der Völker. Kleine Schritte zu einem großen Ziel will Michalik nun auch gemeinsam mit der russisch-orthodoxen Kirche gehen.

Patriarch Kirill, der sich selbst als eine Art orthodoxen Papst definiert, dämpfte dagegen die politischen Erwartungen. „Dies ist eine theologische und keine politische Erklärung.“ Dennoch: Der Appell an die Völker werde ein neues Kapitel in den Beziehungen aufschlagen, betonte auch der Patriarch. Zwei Jahre hatte die Arbeit an dem gemeinsamen Dokument gedauert, in dem es weiter heißt: „Jeder Pole sollte in jedem Russen einen Freund und Bruder sehen und umgekehrt.“

Der frühere Warschauer Außenminister Adam Rothfeld, der die von Tusk wiederbelebte polnisch-russische „Kommission für schwierige Fragen“ leitet, warnte ebenfalls davor, die politische Bedeutung des Besuchs überzubewerten. „Es geht um Religion“, sagte er. Tatsächlich sprechen Theologen von einem Durchbruch in den Beziehungen zwischen den christlichen Kirchen und erwarten ein baldiges Treffen zwischen Papst Benedikt XVI. und Kirill I.

Rothfelds Zurückhaltung mag aber auch dazu dienen, die polnische Opposition um Jaroslaw Kaczynski im Zaum zu halten. Der nationalkonservative Scharfmacher nutzt üblicherweise jede Gelegenheit, um Russland und Wladimir Putin persönlich verbal zu attackieren. Im Umfeld seiner Partei PIS wurden in den vergangenen Wochen gezielt Angriffe auf Kirill lanciert.

Schwer fällt das nicht, wurde der Kirchenmann doch zu Sowjetzeiten unter dem Decknamen „Michailow“ vom KGB gelenkt. Dass er enge Beziehungen zu Putin pflegt, ist ebenfalls bekannt. Kirill ist einer der wichtigsten ideologischen Helfer des Kremlchefs. Im Prozess gegen „Pussy Riot“ wurde das in den vergangenen Wochen überdeutlich.

Dennoch warnte Erzbischof Michalik die Kaczynski-Opposition vor Ausfällen gegen den Gast. Wer etwa die Flugzeugtragödie von Smolensk an diesen vier historischen Besuchstagen wieder auf die Tagesordnung setze, der betreibe niedere Interessenpolitik. Eine derart scharfe Konfrontation zwischen Bischöfen und Politikern innerhalb des national-katholischen Lagers hat es in Polen seit Jahren nicht gegeben.

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