Spätsommerliche Stimmungsschwankungen

In Polen kehren die Menschen aus dem Urlaub zurück. In Warschau beginnt die schönste Zeit des Jahres. Die Stimmung aber ist nicht überall gut.

So ein Urlaub ist ja gut und schön. Aber die Katerstimmung danach ist unangenehm. Das beginnt mit dem Auspacken der (meist schmutzigen) Wäsche. Der graue Alltag ist dann nicht mehr fern.

Warschau immerhin bietet seinen Bürgern in der zweiten Augusthälfte und auch im September noch viele Möglichkeiten des unbeschwerten Hinübergleitens vom Sommer in den Frühherbst. Es ist Festivalzeit in der polnischen Hauptstadt. Jeden Sonnabend locken internationale Jazz-Größen die Menschen auf den Altstadtmarkt, sonntags gibt es Klaviermusik von Chopin im Königlichen Bäderpark. Es folgen das Singer-Festival der jüdischen Musik und viele andere wunderbare Konzerte. Der Spätsommer ist die vielleicht schönste Zeit in Warschau. Ich genieße diese Wochen jedes Jahr aufs Neue. Auch die Aktiven kommen dabei nicht zu kurz, spätestens beim Warschau-Marathon Ende September.

In diesen nacholympischen Tagen und Wochen ist der Sport in Polen allerdings ein Reizthema. Das schlechteste Ergebnis seit 1948 hat die Mannschaft in London erzielt. „Der schwärzeste polnische Sommer“, titelte die Zeitung „Gazeta Wyborcza“, und dabei schwang auch noch einmal der Frust über die aus sportlicher Sicht verkorkste Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land mit. Die Kicker in Weiß-Rot waren ohne Sieg in der Vorrunde ausgeschieden.

Polens Volleyballer schafften es in London zwar ins Viertelfinale, verloren dort aber gegen den späteren Olympiasieger Russland. Das war zwar keine Schande, aber doch besonders hart für die Fans. Denn erstens ist Volleyball in Polen neben dem Fußball der Nationalsport schlechthin. Und zum anderen hatte die Mannschaft wenige Wochen vor Olympia die Weltliga gewonnen und war zumindest als Mitfavorit nach London gefahren. Ähnlich erging es Tennis-Heldin Agnieszka Radwanska, die im Wimbledon-Finale gestanden hatte: Olympia-Aus in Runde eins. Am Ende gab es gerade einmal zehn Medaillen für Polen. Nur Kugelstoß-Riese Tomasz Majewski und Gewichtheber Adrian Zielinski gewannen Gold.

Viele Kommentatoren suchen seither nach einer Antwort auf die Frage, warum den eigenen Sportlern das Sieger-Gen fehle. Nun kann man sich natürlich fragen, ob das alles wirklich so wichtig ist, wie es die Debatten in den Medien nahelegen. Eher nicht, finde ich. Aber ernst nehmen muss man diese Stimmungen schon. Auch die wirtschaftlichen Aussichten trüben sich derzeit in Polen ein. Das Boomland droht in einen Pessimismus-Strudel abzugleiten. Bleibt zu hoffen, dass die Menschen aus ihrem Urlaub nicht zu viel schmutzige Wäsche mitbringen – sonst wird es ein trüber Herbst.

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