Polen fällt vom Glauben ab

Hunderttausende pilgern zu Mariä Himmelfahrt zur Madonna in Tschenstochau – doch die Religion spielt in Europas katholischster Gesellschaft eine immer geringere Rolle.

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Papstfeier vor halb leeren Bänken: Zur Seligsprechung Johannes Pauls II. im Mai 2011 wurde vor der Warschauer Nationalkirche ein Riesenmosaik enthüllt. Zuschauer kamen nur wenige. (Foto: Krökel)

Jedes Jahr im August verdoppelt sich Tschenstochau.Die schlesische Stadt, die in normalen Zeiten rund 240.000 Einwohner zählt, beherbergt dann noch einmal so viele Gäste. Zu Mariä Himmelfahrt am 15. August pilgern Hunderttausende Polen in das berühmte Kloster auf dem Hellen Berg (Jasna Gora). Dort hängt die Schwarze Madonna. Die Ikone der Gottesmutter ist die wichtigste Reliquie der Nation.

Polen ist mit seinen mehr als 90 Prozent bekennenden Gläubigen das katholischste Land Europas. Wer etwas auf sich hält, pilgert mindestens einmal im Leben auf den Hellen Berg, um vor der Madonna zu beten und Schutz zu erbitten. Wie 1655, als die Schweden nach Schlesien einfielen. Die Mönche jedoch verteidigten sich und ihr Land mit der wundertätigen Ikone im Rücken heldenhaft. Polens Herrscher ernannten die Madonna zur „Königin Polens“. Ein halbes Jahrhundert später begannen die Wallfahrten. Bis heute kommen die meisten Pilger zu Fuß, und sei es aus dem 600 Kilometer entfernten Stettin. Drei Wochen benötigen die Gläubigen für den Weg, auf dem sie in diesem Jahr vor allem für Frieden in Syrien beteten.

Der ehemalige Danziger Erzbischof Tadeusz Goclowski begrüßt die Pilgergruppen auf dem Hellen Berg. Er betont dabei die 2000-jähirge Geschichte des Christentums, und das klingt nach Ewigkeit. Doch in die Worte des Geistlichen mischen sich ungewollt Zweifel. „Es lohnt sich, genau darauf zu achten, wer zur Madonna kommt. Es sind vor allem junge Menschen.“ Das ist nicht falsch. Das Durchschnittsalter der Pilger liegt unter 40 Jahren. Aber warum betont der Bischof im Ruhestand dies so ausdrücklich? „Weil die jungen Menschen unsere Zukunft sind, und weil man immer wieder von anderen Tendenzen in der Gesellschaft hört“, sagt der 80-Jährige.

Was Goclowski meint, aber nicht näher ausführt, ist die Konkurrenz durch das erfolgreiche kapitalistische Wirtschaftsmodell im Boomland Polen. „Mit dem Wirtschaftswunder der vergangenen Jahre haben die Eigeninteressen zugenommen, die Gesellschaft ist atomisiert“, sagt der Warschauer Soziologe Grzegorz Makowski. Das bekommt auch die Kirche zu spüren. Die Zahl der sonntäglichen Kirchgänger ist in den vergangenen 20 Jahren um ein Drittel zurückgegangen. Nach dem Ende des Kalten Krieges erklärten noch mehr als 60 Prozent der jungen Polen, christliche Gebote und Rituale einzuhalten. Heute bekennen sich dazu kaum noch 40 Prozent.

In den 80er und 90er Jahren sog die katholische Kirche in Polen aus zwei Quellen besondere Kraft. Im Vatikan residierte damals Johannes Paul II., der frühere Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla. „Er war unser Licht und unser Leitstern“, sagt Friedensnobelpreisträger Lech Walesa über den polnischen Papst. Der Solidarnosc-Held ist selbst ein tief gläubiger Katholik. Den Aufstand gegen das kommunistische Regime im Jahr 1980 und die friedliche Revolution von 1989 führte Walesa im Zeichen des Glaubens an – notfalls kniend und betend oder auf einer Wallfahrt nach Tschenstochau.

Der Kommunismus als Feindbild der Kirche war jahrzehntelang die zweite Kraftquelle des polnischen Katholizismus. Nun aber sind beide Energieströme versiegt. Die bunte Marktwirtschaft mit ihren verlockenden Karrierechancen gerade für junge Menschen hat die Mangelökonomie und das Grau des Realsozialismus abgelöst. Mit dem EU-Beitritt wandte sich Polen 2004 endgültig dem säkularen Modell des Westens zu, das die meisten Polen trotz Euro- und Weltwirtschaftskrise für ein Erfolgsmodell halten.

Ein Jahr später starb Johannes Paul II. Damals schwor die „Generation JP II“ dem Heiligen Vater Treue über das Grab hinaus. Soziologen bezeichnen mit dem Begriff all jene nach 1980 geborenen Polen, die von Kindesbeinen an bis zu seinem Tod 2005 nur Johannes Paul II. als Papst kannten. Selbst an Wojtylas extrem konservativer Sexualmoral störten sich die jungen Leute damals nicht. Doch das ist längst anders geworden. Das Priesterzölibat und strikte Vorgaben wie die sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe oder das strenge Abtreibungsverbot sind der Jugend jenseits von Oder und Neiße heute ähnlich schwer zu vermitteln wie ihren westlichen Altersgenossen.

Die „Generation JP II“ ist längst tot, sagen Soziologen heute. Als der polnische Papst vor gut einem Jahr seliggesprochen wurde, besuchten sehr viel weniger Menschen die zentralen Feierlichkeiten als erwartet. Vor der im Bau befindlichen neuen Nationalkirche in Warschau blieben viele Plätze leer. „Die Erinnerung an die Lebensleistung Johannes Pauls II. verblasst“, analysierte damals Natalia Hipsz vom Meinungsforschungsinstitut CBOS. Mit der populären Schwarzen Madonna in Tschenstochau ist es in diesen Augusttagen anders. Noch.

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