Ein Espresso danach

Deutschland ist ausgeschieden. Italien und Spanien stehen im Finale der Fußball-Europameisterschaft. Das gilt es zu verdauen…

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EM-Ball und lädierte Palme in der Warschauer Jerusalem-Allee. (Foto: Krökel)

In der Jerusalem-Allee, im Herzen von Warschau, steht eine 15 Meter hohe Palme. Der Baum ist nicht echt, sondern ein Kunstwerk. Über die Jahre hinweg hat er schon viele Plastikblätter verloren. Und doch verströmt die Warschauer Palme an schönen Tagen südländisches Flair. So ist es auch an diesem Morgen danach. Nach dieser azurblauen Nacht in der polnischen Hauptstadt, die dem 2:1 der Italiener gegen Deutschland folgte.

Ein lauer Luftzug weht von der nahen Weichsel herüber. Am Horizont, auf dem anderen Flussufer, leuchtet in Rot und Weiß das Nationalstadion. Es steht dort, als sei es in froher Erwartung weiterer Spiele. Und auch vor der Palme türmt sich noch immer ein überdimensionierter EM-Ball auf. Wann die symbolische Riesenkugel wieder verschwindet, weiß niemand von den Passanten. „Sollen sie den Ball ruhig hierlassen“, sagt eine junge Frau und lacht. „Dann haben wir künftig zwei Kunstwerke in der Jerusalem-Allee.“

Von Katerstimmung ist in Warschau an diesem Sommermorgen nichts zu spüren. Dabei ist das Spiel aus. Die Europameisterschaft ist für Polen vorbei. Das große Finale steigt am Sonntag in Kiew. Aber die Warschauer wirken zufrieden mit sich und der Welt. Sie haben mit ihren Gästen gefeiert, ausgelassener und herzlicher als die Fans in allen anderen Spielorten dieser EM. Die Hooligan-Schlägereien zwischen Polen und Russen sind längst verdrängt und vergessen. Alles ist gut. Die Szenerie vor der Palme verlangt nach einem Espresso.

Im Café läuft Klaviermusik. Im Ohr aber hallen die Rufe der Tifosi nach. „Deutschland, auf Wiedersehen!“, haben sie gejubelt. Und natürlich haben die Himmelblauen „Azzurro“ gesungen. Vor dem geistigen Auge tauchen die Bilder dieser Nacht wieder auf. Sie zeigen eine polnische Samba-Gruppe unweit der Palme. Die jungen Leute trommeln wie enthemmt. Ein Posaunist bläst dazu die klassischen Fan-Hymnen. Tausende Menschen ziehen vorüber. Sie kommen aus dem Stadion und pilgern in die nahe Altstadt. Sie beginnen zu tanzen und zu singen.

Da ist sie wieder, die Warschauer EM-Stimmung dieser Wochen. Fast alle Gesichter sind in dieser Nacht bemalt, oft mit deutschen, italienischen und polnischen Farben zugleich. Alles ist bunt, auch die Mischung der Nationen. Ein Mann flucht auf Bayerisch, trägt aber ein Trikot der Tifosi. Japaner filmen ihn mit dem Smartphone. Eine Polin lächelt schüchtern einen Italiener an. Die beiden fühlen sich sichtbar schon jetzt als Sieger dieser EM. Sie haben dazu allen Grund. Italien steht im Endspiel. Polen hat in Europa durch die gelungene Organisation des Turniers, an dem es im Vorfeld so viel Kritik gab, an Ansehen gewonnen. Und Warschau hat sich in die Herzen seiner Gäste gefeiert.

Später in der U-Bahn, als sich die azurblaue Nacht dem Ende zuneigt, steht da ein Mann mit einem rot-weißen Polska-Hut und einem schwarz-rot-goldenen Umhang. „Ich kann diesen Balotelli nicht ausstehen“, sagt er auf Englisch. „I can’t stand it!“, wiederholt er. Er ist Pole. Und er ist davon überzeugt, die deutschen Fans im Zug trösten zu müssen. Mario Balotelli hat die beiden Tore gegen Deutschland geschossen. Die Nachbarn dies- und jenseits der Oder sind sich näher gekommen bei dieser Europameisterschaft.

Die Italiener ziehen nun weiter nach Kiew, zum Finale gegen Spanien. Die ukrainische Hauptstadt schwankt zwischen freudiger Erwartung und Frustration. Die „Kiew Post“ zeigt an diesem Morgen auf dem Titelblatt Bilder von jubelnden südländischen Fans und Spielern. In der Stadt aber ist es „noch ziemlich tot“, wie Daria Ignatenko berichtet. Die 23-Jährige arbeitet für die Zeitung „Kommersant“ und erklärt: „Wir haben ein langes freies Wochenende wegen des ukrainischen Verfassungstages. Es ist fast ein bisschen langweilig hier.“

Ignatenko hofft auf die Fans aus Italien und Spanien, die „wahrscheinlich erst kurzfristig anreisen“. Und doch vermitteln die Berichte aus Kiew vor dem Finale eine Art vorbeugende Katerstimmung. Die Ungewissheit ist groß, wie es in dem politisch und wirtschaftlich so arg gebeutelten Land nach dieser EM weitergehen wird. „Wahrscheinlich wursteln wir uns noch drei Jahre durch, bis zur Präsidentenwahl 2015“, sagt Ignatenko. Doch geht das? Da sind die ausufernden Staatsschulden. Und da ist der Fall der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko. Die EU hat deshalb die Annäherung an die Ukraine vorerst gestoppt.

Immerhin bleibt Kiew zum EM-Endspiel ein diplomatisches Dilemma erspart. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird nicht zum Finale fahren. Viel war spekuliert worden über ein Zusammentreffen mit dem autoritär regierenden ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch. Nun sind die Deutschen ausgeschieden. Auf der Ehrentribüne werden Italiener und Spanier Platz nehmen.

„Das Turnier hat unsere Nation geeint“, schreibt die „Kiew Post“. Die rivalisierenden West- und Ostukrainer hätten zueinander gefunden. Es klingt wie ein Pfeifen im Walde. Mag sein, dass die Kiewer am Sonntag ebenso fröhlich mit den Siegern feiern wie die Warschauer in ihrer südländischsten Nacht des Jahres. Trost dagegen brauchen die Ukrainer vor allem selbst.

2 comments

  1. Die Palme hat ihre Blätter nicht verloren. Die Künstlerin Rajkowska, die die Rechte an der Palme besitzt, hat die Blätter kurz vor der EURO aus Protest gegen „Sozial“kürzungen abnehmen lassen.

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