Das Erbe der EM

Gut drei Wochen Fußball-EM gehen zu Ende. Was bleibt?

Der Süden siegte. Sportlich haben Spanier und Italiener die Fußball-Europameisterschaft dominiert. Gewonnen hat aber vor allem der Osten. Die Gastgeber Polen und Ukraine können nach ihrem EM-Abenteuer ein zufriedenes Fazit ziehen. Man muss mit dem Jubel nicht so weit gehen wie Michel Platini. Der UEFA-Präsident ist schon von Amts wegen dazu verpflichtet, alles „fantastisch“ zu finden. So formulierte er es in seiner EM-Bilanz. Mit einem Satz aber hatte Platini recht: „Noch nie hat eine EM ein solch wichtiges Erbe hinterlassen.“

Für viele Menschen im Westen des Kontinents endet Europa noch immer an der Oder. Dabei ist seit dem Mauerfall bald ein Vierteljahrhundert vergangen! Und dennoch: Wen in Amsterdam oder Hamburg interessiert schon das polnische Posen? Dabei liegt die boomende Wirtschaftsmetropole mit ihrer wunderschönen Altstadt gerade einmal 250 Kilometer östlich von Berlin. „Nehmt uns endlich wahr!“, forderten die Menschen dort vor der EM. Nun wurden sie wahrgenommen. Es waren nur wenige Fußball-Wochen. Aber es bleibt etwas haften von dieser gut organisierten EM mit ihrer wunderbaren Stimmung.

Schon richtig: Negatives bleibt meist leichter haften. Polen wird auch als Land der Hooligans in Erinnerung bleiben. Es ist bitter, dass einige Dutzend Idioten ein fröhlich feierndes Volk in Misskredit bringen können. Auch das Ansehen der Ukraine hat gelitten. Nicht wegen der EM, sondern aus Anlass des Turniers. Plötzlich stand das Land, in dem ein machtgieriger Präsident regiert, im Mittelpunkt des europäischen Interesses.

Der Fall der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko wird auch weiterhin Aufsehen erregen. Nehmen wir es als Chance! Die Krise zwingt die EU und die Ukraine dazu, ihr Verhältnis zu klären. Eine echte Annäherung kann es nur bei einem fundamentalen Wandel in Kiew geben. Ob es dazu kommt, ist schwer vorherzusehen. Im Herbst stehen in Parlamentswahlen an. Wirtschaftlich und finanziell taumelt das Land am Abgrund entlang. Die Wirklichkeit könnte Staatschef Viktor Janukowitsch zum Einlenken zwingen. Sicher ist das nicht.

Zu wünschen wäre es vor allem den Menschen in der Ukraine. Sie haben sich bei dieser EM, ebenso wie ihre polnischen Nachbarn, als wunderbar gastfreundliches Volk gezeigt. Sie streben nach Europa, und sie sollten willkommen sein – trotz ihres Präsidenten.

One comment

  1. Man sollte hier nicht verallgemeinern. Jedem einzelnen wird die EM anders in Erinnerung bleiben.

    In Deutschland wird sie nach 2 Wochen vergessen sein, In Polen wird man noch nach 2 Jahren von ihr schwärmen und die Italiener bzw. Spanier liegen irgendwo dazwischen.

    Bezeichnend für die unterschiedliche Wahrnehmung ist zB., daß Deutschland schon vor dem Halbfinale aus Danzig abgereist ist und das italienische Team nach dem Finale von Kiev nach Krakau zurück kehrt, und dort im Siegesfall auch noch in ein Kloster pilgert.

    Auch die Journalisten aus Deutschland, Italien, Polen und Spanien haben die EM (off record) völlig anders bewertet. Währen der Deutsche sich über Twitter ständig über schlechtes Wetter, Hooligans und Baustellen Beschwerte, dabei ständig vom 06 einzig wahren Sommermärchen schwärmte, waren die anderen Nationen bemüht das Positive zu zeigen…

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