Viele kleine Sommermärchen

Die Fußball-Europameisterschaft geht in die Halbzeitpause – eine Zwischenbilanz.

Zur Halbzeit der Europameisterschaft ist UEFA-Präsident Michel Platini „sehr, sehr zufrieden“ mit dem Turnier in Polen und der Ukraine. Er darf es sein, denn trotz aller Probleme mit Hooligans und Rassisten, trotz politischen Störfeuers und logistischer Schwierigkeiten ist es bislang eine mitreißende EM. Das liegt an den vielen fantastischen und auch grausamen Geschichten, die der Fußball schreibt und damit große Gefühle weckt.

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Griechischer Fan in Warschau. (Foto: Krökel)

Man denke an die Griechen.In Europa sind sie als Pleitegeier verschrien, auf dem Platz waren sie krasser Außenseiter. Nun stehen sie im Viertelfinale. Man denke an den polnischen Torwart Tyton, der nur zweite Wahl war, eingewechselt wurde und nach einem kurzen Gebet einen Elfmeter parierte. Auch der tränenreiche Untergang des Co-Gastgebers gegen Tschechien und das Totalversagen der Holländer gehen ans Herz, wenn auch schmerzhaft.

Es gibt also viele kleine Sommermärchen und Sommertragödien zu erzählen. Das ist wunderbar. Aber die Freude darüber darf die Schattenseiten nicht vergessen machen. Platini griff in seiner Halbzeitbilanz zu einem krassen Wort, als er die „Arschlöcher“ auf den Rängen anprangerte, die mit rassistischen Parolen den Sport kaputtmachen. Er hätte jene Hooligan-Idioten außerhalb der Stadien gleich mit nennen sollen, die in der ersten EM-Woche Warschau in Angst und Schrecken versetzten.

Gewalt und Rassismus sind im Fußball leider noch immer weit verbreitet. Das betrifft die meisten Länder. In Kroatien, Polen und Russland mag es schlimmer sein als in Dänemark oder Portugal. Aber keiner sollte sich aus der Verantwortung stehlen, allen voran die Deutschen nicht. Hassattacken und Prügelorgien in Schwarz-Rot-Gold blieben zwar bislang aus. Aber wer die Gäste aus dem Westen in der Ukraine aus der Nähe beobachtet hat, hat eine Arroganz spüren können, die sich ins Bild der politischen Debatten dieser Wochen fügt. Aufgeputscht von drei Siegen, lautete die Botschaft: „Wir können es ohnehin besser.“ Vom fröhlichen Patriotismus der WM 2006 war das weit entfernt.

Zufrieden sein können mit der ersten EM-Hälfte die Gastgeber Polen und Ukraine. Es gab sportliche Teilerfolge und dramatische Misserfolge, aber darum ging und geht es weniger für die Ausrichter. Was am Ende zählt, ist die Rückkehr ins Rampenlicht. Die beiden ostmitteleuropäischen Staaten werden künftig stärker im Bewusstsein der Westeuropäer verankert sein als bisher. Polen hätte sich sportliche Siege, fröhlichere Feiern und weniger Hooligans gewünscht. Dennoch ist es dem Land gelungen, sich als moderne und aufstrebende Nation zu präsentieren.

In der Ukraine hat das Turnier mitsamt seinen Begleiterscheinungen schon jetzt viele Menschen wachgerüttelt, die angesichts des politischen Dauerstreits zuvor in Lethargie verfallen waren. „Glaubt ihr wirklich, dass wir auf dem Entwicklungsniveau afrikanischer Staaten liegen?“ So fragten viele Ukrainer entsetzt, als sie von finsteren Berichten in westlichen Medien über ihre Heimat hörten. Beim Korruptionsniveau ist das afrikanische Niveau Realität, musste die ehrliche Antwort lauten. Nur zum Beispiel. Dabei wähnen sich viele Ukrainer auf dem Weg in die EU. Nun ist ihnen der Schreck in die Glieder gefahren. Die Erkenntnis wächst auch, dass man einen autoritären, antidemokratischen Politiker wie Präsident Viktor Janukowitsch nicht einfach so weitermachen lassen darf.

Nicht funktioniert hat das Zusammenspiel zwischen Ukrainern und Polen. Nichts war so falsch und auch verlogen wie das UEFA-Motto „Gemeinsam Geschichte schreiben“. Die Polen betrachten die EM-Ereignisse in der Ukraine wie Spanier oder Italiener auch: aus der Ferne, unbeteiligt. Umgekehrt ist derselbe Effekt zu beobachten. Wer in Kiew oder Charkiw in den Stadien oder auf den Fanmeilen die Spiele erlebt, der ist von Warschau gefühlt so weit entfernt wie von Paris oder London.

Das Modell der Doppel-EM muss nicht zwingend als gescheitert gelten. Polen, Tschechen und Slowaken hätten es womöglich sogar zu dritt geschafft. Danzig und Donezk trennen aber Welten. Etwas genauer sollte die UEFA also künftig schon hinschauen.

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