Begegnungen in einem wilden Land

Impressionen von einer EM-Reise durch die Ukraine.

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Nach dem Gewitter: Trockenübung beim EM-Camping in Donetsk. (Fotos: Krökel)

Der Iraker fragt fordernd.„Sag mir, was ihr Deutschen von Hitler haltet! War er gut oder böse?“ Er war böse. „Aber er war doch Soldat.“ Ja, im Ersten Weltkrieg, aber er war böse. „Uuuhh“, stöhnt der junge Mann auf, der sich das nicht so recht vorstellen kann. „Ich kenne die Geschichte schlecht“, sagt er offen. Hassan studiert Maschinenbau im ostukrainischen Charkiw. Dorthin rast der Hochgeschwindigkeitszug aus Kiew mit Tempo 160.

Beide fügen sich schlecht ein in diese weite, stille und sonnenbeschienene Landschaft. Hassan scheint nicht hierher zu passen und auch der Hyundai-Express nicht. Die Ukraine hat zur Fußball-Europameisterschaft zehn koreanische High-Tech-Züge gekauft, die nun zwischen den Spielorten Lemberg, Kiew, Charkiw und Donezk fahren. Der Hyundai ist voll mit deutschen und holländischen Fans. Aber da sitzt auch Hassan, der aus Bagdad geflohen ist, weil dort im Zweifel die Soldaten die Guten sind. „Du kannst bei uns ohne Angst nicht auf die Straße gehen“, sagt er.

6,5 Millionen Ukrainer lebten 2011 im Ausland, vor allem in westeuropäischen Ländern. In der Heimat geht es wirtschaftlich bergab. Präsident Viktor Janukowitsch schleift Demokratie und Rechtsstaat. Die Zahl der Auswanderer steigt. Aber die Ukraine ist auch Fluchtpunkt für rund 5,3 Millionen Menschen, in deren Heimatländern die Lage meist schlechter ist. „Hier fühle ich mich sicher“, sagt Hassan über die Ukraine. „Die Leute sind freundlich und hilfsbereit.“

Nach dem Hollandspiel ist die Nachtfahrt von Charkiw nach Donezk nicht im Hyundai möglich. Es verkehren nur gewöhnliche ukrainische Züge. Holzwürmer haben die Rahmen der Fenster zernagt. Im Schlafwagenabteil lassen sie sich nicht öffnen. Es riecht nach den Knoblauchgurken der Mitreisenden. Erholung gibt es auf dem Gang. Dort lassen sich die Fenster nicht schließen. Draußen weht ein heißer Steppenwind. Ein Mann drängt sich vorbei und bietet EM-Tickets zum Kauf an. Artjom steht daneben, drückt sein I-Pad an die Brust und sagt kopfschüttelnd: „Wir leben in einem wilden Land.“

Artjom studiert in Kiew Informatik. Er trägt ein gelbes Nationaltrikot. In Donezk will er sich das Spiel Ukraine gegen Frankreich ansehen. Er ist Anfang 20, spricht lieber Englisch als Russisch und wirkt wie ein Eliteschüler aus Harvard. Ein wenig eitel ist er, nutzt das I-Pad als Spiegel. „In der Steppe da draußen lebten früher die Kosaken“, erzählt er. „Sie nannten ihr Land das wilde Feld. So fühlen und leben viele von uns noch heute.“ Artjom wünscht sich eine andere Zukunft für die Ukraine, modern und europäisch.

Vor der Ankunft in Donezk am frühen Morgen schiebt sich eine 100-Kilo-Frau mit einer massigen Tasche durch den Gang. Sie will unbedingt als Erste aussteigen. „Achtung, ich habe schwer zu tragen!“, ruft sie. Weiter vorn steht eine Mutter mit einem Jungen. Er mag fünf Jahre alt sein. Seine Beine sind geschient, er kann nicht richtig gehen. Dennoch drängt die Dicke pöbelnd vorbei. „Platz da!“ Ganz nach „ukrainischer Sitte“, wie Artjom sagt. Die Mutter verteidigt das Kind. Plötzlich gehen die Frauen aufeinander los. Sie schlagen mit der flachen Hand, aber mit voller Kraft. Der Junge drückt sich in eine Ecke.

In Donezk besteigt als Erstes die Miliz den Zug, um zu schlichten. „Es ist ein wildes Land“, wiederholt Artjom zum Abschied. Ein wenig ist es das. Aber da sind auch die neuen Hochgeschwindigkeitszüge und der moderne Bahnhof von Donezk, der die Gäste mit grün glänzendem Glas empfängt. Und da ist vor allem die kleine Veronika in Lemberg. Dorthin, wo diese Reise beim deutschen EM-Auftakt gegen Portugal begann, führt der Weg wieder, zum Spiel Deutschland gegen Dänemark. Veronika wartet schon.

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EM-Hauptquartier bei Veronika in Lemberg.

Veronika ist zwölf Jahre alt und organisiert alles in der Wohnung,in der Mutter Marianna zur EM ein Zimmer vermietet. Sie spricht mit Begeisterung ein wunderbares Deutsch, das sie in der Schule lernt. Marianna arbeitet in Kiew und oft auch im Ausland. Wo der Vater lebt, bleibt unklar. Veronika ist allein zu Hause. Fast allein, denn sie hat ihre einjährige Katze, und sie pflegt die Oma.

Veronika steht nachts um halb zwei oder halb fünf auf, um den Gast nach dem Spiel in Empfang zu nehmen oder bei der Abreise ein Taxi zum Flughafen zu organisieren. Sie will es so. Sie lässt es nicht zu, dass ein Frühstück nur aus Kaffee und Keksen besteht. Veronika beharrt auf Rührei mit Schinken. Sie erlaubt keine kalte Dusche, wenn das heiße Wasser nicht läuft. Sie bereitet mit dem Wasserkocher ein Bad. Auch das ist die Ukraine – ein wenig wild, aber wunderbar.

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