„Eigentlich ganz nett“

Erster EM-Spieltag: Die Annäherung zwischen ukrainischen Gastgebern und deutschen Fans gelingt in Lemberg nur ansatzweise.

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Deutsche Fußball-Fans in Lemberg/Lwiw. (Foto: Krökel)

Die Altstadt erwacht erst gegen Mittag. An diesem Sonntag danach sind zunächst nur wenige deutsche Fans in Lemberg unterwegs. Die Nacht war lang nach dem 1:0 gegen Portugal. „Das war nicht überzeugend, aber das Ergebnis zählt – siehe Hollands 0:1 gegen Dänemark“, lautet das Fazit einer Gruppe Bochumer Fans, die sich in einem Café am altehrwürdigen Hotel George niedergelassen haben. Über einen Bildschirm flimmern die Szenen des Deutschlandspiels. Pepe schlenzt den Ball an die Unterkante der Latte, er tupft auf die Linie. „Uff!“, stöhnen die Bochumer auch jetzt noch.

Sie sitzen bereits auf gepackten Koffern. Am Nachmittag fliegen sie zurück nach Deutschland. Ihr Eindruck von Stadt und Menschen? „Eigentlich ganz nett“, ist die Antwort. Die Ukraine ist ihnen eher egal. Es geht um den Titel. Über den nahen Freiheitsboulevard zieht eine Prozession katholischer Nonnen, die singend gegen die Schließung einer Kirche protestieren. Zwei junge Deutsche in Podolski-Trikots lassen sich auf einer Bank nieder, um die sogenannten Unierten, die dem Papst unterstehen und in der orthodoxen Ukraine nicht immer einen leichten Stand haben, mit dem Smartphone zu knipsen. „Krass“, sagt einer der beiden.

Die kulturelle Annäherung zwischen Ukrainern und Deutschen gelingt rund um diesen ersten EM-Spieltag in Lemberg nur ansatzweise. Am Nachmittag vor dem Spiel singen, tanzen und feiern die Gäste aus dem Westen gemeinsam mit Einheimischen auf dem berühmten Altstadtmarkt, der zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. „U-kra-i-na“, rufen die Deutschen und bekommen Applaus.

Auf den Balkonen hängen schwarz-rot-goldene Flaggen. Dazwischen stehen deutsche Fans mit nacktem Oberkörper und Bierflasche. Sie wissen vermutlich nicht, dass ukrainische Behörden extra zur EM einen Appell an die Bürger gerichtet haben, sich nicht im Unterhemd auf den Balkonen zu zeigen, weil das den Anblick für westliche Touristen stören könnte.

Auch im Stadion sind die deutschen Zuschauer am Samstag nicht immer auf der Höhe des Geschehens. Wiederholt werfen sie Gegenstände auf das Spielfeld, zünden bengalische Feuer und müssen sich ein ums andere Mal von UEFA-Sprechern ermahnen lassen. Die Gastgeber ihrerseits haben große Probleme beim Abtransport der Zuschauer nach dem Schlusspfiff. Es ist da schon fast Mitternacht. Wegen der Zeitverschiebung beginnen die Spiele in der Ukraine erst um 21.45 Uhr Ortszeit. Vom Stadion zu den Shuttlebussen ist es ein halbstündiger Fußweg. Noch einmal so lange warten die Fans, bis es losgehen kann. „Suboptimal“, urteilen die Bochumer.

„Wir werden das bis zum zweiten Spiel verbessern“, erklärt Lembergs Bürgermeister Andri Sadowij bei einer Pressekonferenz am Tag nach dem Spiel. Stolz verkündet er, dass 60.000 Touristen zur EM-Eröffnung angereist seien, darunter 15.000 Deutsche. Es sei gelungen, auf dem neuen Airport Lwiw International 140 Flugzeuge in nur zwei Tagen abzufertigen. In Frankfurt brauchen sie dafür im Zweifel ein paar Stunden.

Aber das ist nicht vergleichbar – wie so vieles. In der Nähe des Marktes drängen sich drei ungläubige Deutsche um das, was sie für einen Oldtimer halten. Es ist ein normales Lemberger Auto. „Ich glaube, das ist ein Moskwitsch“, sagt einer der drei. Ein anderer schüttelt staunend den Kopf. Dann sagt er: „Wenn man es sich recht überlegt, ist Moskwitsch auch ein geiler Name.“

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