Wo die Deutschen landen

Eine kleine Kulturgeschichte des Lemberger Flughafens.

Alles ist blitzblank gewienert. Im Boden spiegeln sich die Passagiere. Das Gepäckband wirft die Koffer im Sekundentakt aus. Wenn die deutsche Nationalmannschaft heute zu ihrem ersten EM-Spiel in Lemberg eintrifft, durchquert sie einen nagelneuen Airport-Terminal. Mehr als 200 Millionen Euro hat das gläserne Schmuckstück gekostet.

Man hätte „Schweini“, Philipp Lahm und Co. vor einem halben Jahr bei einem Gastspiel in Lemberg erleben wollen. Damals holte ein Trecker das Gepäck vom Flieger ab. Ein scheppernder Bus in Schräglage karrte die Reisenden zu einem kleinen Steinhaus mit Zuckerbäckertürmchen. Das „Denkmal der Architektur“ aus frühen Sowjetzeiten hatte keine Förderbänder. Mürrische Arbeiter warfen Taschen und Rucksäcke per Hand durch rostige Metallklappen in eine zugige Halle. Dort wühlten die Passagiere in dem Berg und zerrten an Griffen – ein Überlebenskampf selbst für den härtesten Schalenkoffer.

Eine Holztreppe führte hinauf in einen winzigen Warteraum, der sich hochtrabend „Duty Free Shop“ nannte. Es gab löslichen Kaffee zu trinken, und wie selbstverständlich wurde geraucht. Wer in die Stadt wollte, auf den warteten vor dem Gebäude finstere Männer in schwarzen Lederjacken. Sie boten ihr „Taxi“ an, der Preis war Verhandlungssache. Mitunter war ein Vorschuss fällig, damit der Fahrer zunächst den Tank auffüllen konnte.

In diesen EM-Tagen hat die Polizei das Regiment übernommen vor dem Lemberger Flughafen, um alle Privatchauffeure und Geschäftemacher zu vertreiben. Sie werden wohl spätestens nach der Vorrunde zurückkehren, wenn „Schweini“ und die anderen nach ihrem Auftritt gegen Dänemark wieder abgeflogen sind. Dann hat die Stadt nach nur drei Spielen ihre Schuldigkeit als Austragungsort getan.

Stehen bleiben wird der Glaspalast. Es mögen zwei Dutzend Flieger am Tag sein, die dort künftig abgefertigt werden. Wer fliegt schon nach Lemberg in normalen Zeiten? 100 Meter weiter wird sich das Steinhaus mit Türmchen in die Landschaft ducken. Genau genommen sind es schon heute zwei Ruinen, die dort nebeneinander stehen.

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