Noch hat Polen nicht gewonnen

Zum Start der Fußball-Europameisterschaft herrscht im Gastgeberland gedämpfte Vorfreude.

Seinen ersten EM-Sieg hat Polen bereits gefeiert. Mitten auf der Autobahn 2 vor den Toren Warschaus klirrten am Mittwoch die Sektgläser. Bauarbeiter prosteten sich zu. Sie hatten das Unmögliche möglich gemacht und die A 2 nach jahrelangen Querelen im Eiltempo fertiggebaut. Seit Donnerstag rollt der Verkehr auf der zentralen Ost-West-Magistrale, die Polens Hauptstadt mit Posen verbindet und als Europastraße weiterführt bis nach Berlin und darüber hinaus. „Es ist geschafft. Warschau-Lissabon, Fahrt frei!“, schrieb Verkehrsminister Slawomir Nowak im Kurznachrichtendienst Twitter und fügte ein Smiley an.

Der Autobahnbau bei Warschau war zu dem Symbol schlechthin für die fünf Jahre währenden Vorbereitungen auf die Fußball-Europameisterschaft in dem Wirtschaftswunderland des Ostens geworden. Polen veranstaltet die Euro 2012 gemeinsam mit der Ukraine. Probleme gab es in beiden Ländern genug. Stadien wurden verspätet eröffnet, Hooligans randalierten und Hoteliers verlangten exorbitante Preise. All das hat sich irgendwie eingerenkt, und nun, da auch die A 2 befahrbar ist, ist alles bereitet – Zeit zum Feiern.

So könnte man meinen. Doch die Stimmung in Polen ist kurz vor der EM-Eröffnung sonderbar gedämpft. „Das Leben muss auch ohne Fußball weitergehen“, sagt Jacek Grabowski mürrisch. Der Warschauer Bankangestellte hat sein Auto an einer U-Bahn-Station geparkt, um mit der Metro ins Zentrum zu fahren. Immerhin baumelt ein Fähnchen in den Nationalfarben Weiß und Rot an der Fahrertür des Fußball-Muffels. „Lieber wären mir freie Straßen“, sagt er.

In der Innenstadt sind weite Bereiche für den Verkehr gesperrt. Die UEFA hat vor dem monumentalen stalinistischen Kulturpalast eine Fanzone für 100.000 Besucher eingerichtet. Von dort können Zuschauer zu Fuß über die zentrale Weichselbrücke zum Nationalstadion pilgern. Warschau soll heute Abend eine weiß-rote Riesenparty feiern. So wünschen es sich die Veranstalter – selbstverständlich mit einem Sieg über Griechenland im Eröffnungsspiel (18 Uhr). „Warten wir es ab“, sagt Grabowski skeptisch.

Noch hat Polen nicht gewonnen. So sehen es mehr als die Hälfte der Menschen im Gastgeberland. Die Zweifel an der eigenen Mannschaft sind weit verbreitet und möglicherweise der Hauptgrund dafür, dass sich das Fußball-Fieber im Land noch kaum über Normaltemperatur gehoben hat. Jeder dritte Pole glaubt, dass die Männer mit dem weißen Adler auf der Brust schon in der Vorrunde ausscheiden.

Viele Medien verstärken den Pessimismus. Die angesehene Zeitung „Rzeczpospolita“ präsentierte Mitte der Woche einen sarkastischen Totalverriss des Kaders. Verteidiger Rafal Murawski interessiere sich nicht für Fußball, hieß es da. Sein Nebenmann Sebastian Boenisch sei nicht fit, zu schwer und unbeweglich, aber immer noch besser als Ersatzmann Jakub Wawrzyniak. Kein gutes Haar ließen die konservativen Kommentatoren vor allem an der Vielzahl der Legionäre im Team. Eugen Polanski, der im Nachbarland für den FSV Mainz spielt, habe die eigene Hymne erst verstanden, als man die Zeile „Noch ist Polen nicht verloren“ für ihn ins Deutsche übersetzt habe.

Die linksliberale „Gazeta Wyborcza“ ist positiver eingestellt. Doch auch die regierungsnahe Zeitung ist nicht in Feierlaune. Stattdessen versucht das Blatt vor allem, Kritiker auszukontern. In einem ausführlichen Text erklärte die „Gazeta“ ihren Lesern am Donnerstag im Detail, warum das neue Nationalstadion so teuer geworden ist – umgerechnet rund eine halbe Milliarde Euro, die der Staat bezahlt. Den meisten Polen ist das viel zu viel Geld in einer Zeit, in der die Regierung soeben die Rente mit 67 Jahren beschlossen hat, um den Haushalt zu sanieren.

Verstummen werden die Kritiker wohl nur, wenn die Nationalmannschaft wider Erwarten erfolgreich sein sollte. Die Bauarbeiter auf der Autobahn 2 haben es vorgemacht. Der „unbewegliche“ Verteidiger Sebastian Boenisch sagt: „Ich will Europameister werden.“ Und der Bankangestellte Jacek Grabowski gönnt ihm den Titel, trotz aller Skepsis: „Mit einem Titel lebt es sich natürlich schöner“, sagt er und verschwindet in der U-Bahn.

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