EM-Stadt Breslau: In Kickers Kinderstube

Die EM-Stadt Breslau ist vom Erfolg verwöhnt und schon ein wenig satt – Lust auf Zukunft verströmen die Rivalen in Oberschlesien.

Urheberrechtlich geschützt.

Früh übt sich, wer ein Meister werden will: Fußball-Schule in Schlesien. (Fotos: Football Academy)

Enttäuschung macht sich breit in Breslau. Selbst der berühmte Rynek, der Markt im Herzen der Altstadt, verströmt an diesem sonnigen Maimorgen Lustlosigkeit. Dabei gilt die Stadt auf den zwölf Oder-Inseln mit ihren 112 Brücken als Venedig Polens. Doch von südländischer Lebendigkeit ist wenig zu spüren. Einzig Slavek und Slavko führen vor dem Rathaus einen kurzen Tanz auf. Vergeblich. Kaum jemand nimmt Notiz von dem polnisch-ukrainischen Maskottchen-Paar. Dabei geben die jungen Leute, die in den überlebensgroßen Plüschpuppen mit den Punk-Frisuren stecken, alles, um Werbung für die nahende Europameisterschaft zu machen.

Der mittelalterliche Rynek soll sich in den kommenden Wochen in eine Fanmeile für 25.000 Menschen verwandeln. Im Hier und Jetzt erfüllt allerdings nur der Lärm eines Presslufthammers die Luft. Überall wird noch gearbeitet. Auch das schlägt aufs Gemüt. Schuld an der schlechten Laune sind aber vor allem die Nachbarn. „Viele Tschechen fahren einfach wieder nach Hause“, sagt Marcin Grudziewski. Der 38-Jährige sitzt verloren in einem Freiluftcafé auf dem Marktplatz. Er wollte seine Wohnung während der EM an ausländische Fans vermieten. „Das Interesse ist gleich null“, erklärt er.

Die Tschechen sind an allen drei EM-Spielen in Breslau beteiligt. Russland, Griechenland und Gastgeber Polen sind die Gegner. Doch was anfangs in Breslau Begeisterung auslöste, weil die Nachbarn für Stimmung in der Stadt sorgen würden, ist längst einer verbreiteten Skepsis gewichen. Keine 100 Kilometer sind es bis zur tschechischen Grenze. In kaum vier Stunden ist man mit dem Auto in Prag. „Die Fans werden wohl nur zu den Spielen anreisen und nicht bleiben“, sagt Rafal Jurkowlaniec, der Regierungschef der Wojewodschaft Niederschlesien, deren Hauptstadt Breslau ist. Einen für 3000 Zelte ausgelegten Fan-Campingplatz haben die Organisatoren bereits auf ein Sechstel der Stellfläche reduziert.

Für Jurkowlaniec und andere Regionalpolitiker ist die Situation ungewohnt. Mit Hiobsbotschaften kennen sie sich kaum noch aus. Breslau boomt. 150.000 neue Arbeitsplätze sind in der Region seit dem EU-Beitritt Polens im Jahr 2004 entstanden. Vor allem internationale Technologie-Unternehmen wie Siemens und Bosch, SAP und Google haben sich angesiedelt. 2016 wird Breslau Kulturhauptstadt Europas sein. Auch diesen polenweiten Wettbewerb haben die Schlesier gewonnen. Genau wie die Fußball-Meisterschaft. In einem Herzschlagfinale erkämpfte Slask Wroclaw Anfang Mai den Titel in der Ekstraklasa, der höchsten polnischen Spielklasse.

Macht Erfolg verschlossen? Bei Schlesien Breslau, wie der Verein auf Deutsch heißt, ist niemand bereit, über die Zukunft des Fußballs in der EM-Stadt zu sprechen. Auch der regionale Verband verweigert jede Auskunft. Dabei gilt Schlesien nicht nur als Kaderschmiede des polnischen, sondern auch des deutschen Fußballs. Die Nationalstürmer Miroslav Klose und Lukas Podolski stammen ebenso aus der Region wie Lukasz Piszczek von Meister Borussia Dortmund und Sebastian Boenisch von Werder Bremen, die bei der EM für Polen auflaufen. Sie alle sind hier geboren – allerdings nicht in Breslau, sondern in Oberschlesien.

Miroslav Klose ist in Oppeln aufgewachsen, 90 Kilometer von Breslau entfernt. „Er ist noch immer unser Held, hier kennt ihn jeder“, sagt Radoslaw Soperczak. Der 27-Jährige sitzt in einem kleinen Raum, der als Empfangszimmer seiner „Fußball-Akademie“ dient. Die Wände sind mit überlebensgroßen Porträts bemalt. Sie zeigen junge, kampfeslustige Spieler mit Ball. Soperczak und seine Mitstreiter haben eine schlichte Mehrzimmerwohnung am Rande der Innenstadt von Oppeln zur Zentrale ihrer Akademie umgebaut. Und auch ihre Idee ist einfach: „Wir wollen den Jugendfußball vom Kopf auf die Füße stellen“, sagt Soperczak.

Seit 30 Jahren, seit dem dritten Platz bei der WM in Spanien 1982, haben polnische Nationalmannschaften keine nennenswerten Erfolge mehr errungen. Auch bei der Heim-EM kann wohl nur ein Wunder wirken. „Ein Halbfinaleinzug wäre mehr als ein Sommermärchen“, sagt Soperczak und meint auch, den Grund zu kennen: „Wir haben vergessen, dass die ganz Großen ganz klein anfangen. Und dass sie dabei vor allem eines haben wollen: Spaß.“ 2009 gründete der 27-Jährige deshalb in Oppeln nach britischem Vorbild eine „Football Academy“ zur Nachwuchsförderung. Inzwischen hat die Non-Profit-Organisation polenweit mehr als 50 Filialen mit rund 2000 Schülern.

Urheberrechtlich geschützt.

"Kleine Adler" in Oppeln.

Draußen auf dem Platz schwingen die kleinen Adler ihre Flügel. Es mögen 20 Kinder im Grundschulalter sein, die kreuz und quer laufen und dabei lachend mit den Armen rudern. Der Trainer lässt sie Fangen spielen, damit sie sich aufwärmen und ihre Koordination verbessern. Helles Stimmengewirr dringt zu den Eltern herüber, die am Spielfeldrand warten, bis sich der Nachwuchs ausgetobt hat. Die Jungen und auch einige Mädchen umkurven die gelben Hütchen, ohne es recht zu merken. Der Trainer hat Markierungszeichen aufgestellt, wie dies bei Profis üblich ist. „Cool“ findet das der achtjährige Dominik, der sich zwischendurch von seiner Mutter ein Iso-Getränk reichen lässt.

„Orliki“, zu Deutsch „Kleine Adler“, heißen die bislang 1800 kostenlos nutzbaren Bolzplätze im Land, deren Bau die Regierung in Warschau vor fünf Jahren beschlossen hat. Kurz zuvor hatte Polen zusammen mit der Ukraine den Zuschlag für die Euro 2012 bekommen. Soperczak sah darin eine einzigartige Chance, seine Idee umzusetzen. Er kickte damals selbst, und er wollte „Kinder mit dem Fußball-Virus infizieren“. In England lernte er das Akademie-Modell kennen. Zweimal pro Woche trainieren die Vier- bis Zwölfjährigen. „Training ist eigentlich der falsche Ausdruck. Es geht darum, dass die Kinder Freude an der Bewegung entwickeln. Bei uns ist nie der Sieg wichtig, sondern das Spiel.“

Mit dem polnischen Meister Slask Wroclaw wollen Soperczak und die Fußballbegeisterten in Oppeln nichts zu tun haben. „Wir haben hier starke regionalen Rivalitäten, wie es sie in Deutschland zwischen Dortmund und Schalke auch gibt“, sagt der 27-Jährige. Er setzt seine Hoffnungen auf Eigeninitiative und Vorbilder im Ausland. „Wir finanzieren uns großenteils selbst, über Beiträge der Eltern. Es ist ein britisches Modell. In unserer Fußball-Philosophie orientieren wir uns aber an den Deutschen. Ich habe diese Art zu spielen immer bewundert. Alles ist fantastisch organisiert, nichts bleibt dem Zufall überlassen“, erklärt Soperczak. Der junge Mann wirkt hellwach. Gut möglich, dass die Zukunft des polnischen Fußballs in Oppeln beginnt.

 

Breslau kompakt: Polnisch, deutsch, tschechisch, österreichisch oder gar russisch? Breslau mit seiner mehr als 1000-jährigen Historie ist – wie die gesamte Region Schlesien – schwer einer nationalen Geschichte zuzuordnen. Polnische Herzöge machten die Siedlung auf den Flussinseln der oberen Oder um das Jahr 1000 herum zum Bischofssitz.
Doch Schlesien wechselte seine Zugehörigkeit im Laufe der Jahrhunderte zwischen Polen, Böhmen, Habsburger-Monarchie und deutschem Kaiserreich und wehrte sich auch gegen mongolische und russische Eroberungszüge. Womöglich liegt eine tiefere transnationale Wahrheit darin, dass die Breslauer ihre Stadt „Blume Europas“ nennen.
Das heutige Wroclaw ist mit seinen fast 640.000 Einwohnern nach Warschau, Krakau und Lodz die viertgrößte Stadt Polens und eines der wichtigsten Wirtschafts- und Wissenschaftszentren des Landes. Fast 100.000 Studenten sind an den 13 Hochschulen der künftigen Kulturhauptstadt Europas (2016) eingeschrieben.
EM-Touristen sollten außer der historischen Altstadt vor allem das Panoramabild von Raclawice anschauen. In einem 114 Meter messenden Rundbau zeigt es den polnischen Aufstand gegen die russische Herrschaft im Jahr 1794.
Das EM-Stadion ist Liga-Spielstätte des aktuellen polnischen Meisters Slask Wroclaw. Die Arena fasst 42.000 Zuschauer und ist Austragungsort von drei Vorrundenspielen der Gruppe A (Russland- Tschechien, Griechenland-Tschechien, Tschechien-Polen).
Internettipps für alle EM-Reisenden nach Breslau: www.polishguide2012.pl, www.inyourpocket.com/poland/wroclaw, http://www.wroclaw.pl/uefa_euro_2012.dhtml, http://de.uefa.com/uefaeuro/season=2012/hostcountries/poland/city=3187/index.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.