„Wir können Großes schaffen“

Abwehrspieler Sebastian Boenisch von Werder Bremen spricht im Interview über seine schlesische Herkunft, das Nationalgefühl von Fußballern und sein Ziel, mit Polen Europameister zu werden.

Herr Boenisch, Sie waren lange Zeit verletzt. Wie geht es Ihnen?
Sebastian Boenisch: Es geht mir sehr gut. Das Knie bereitet mir keine Probleme mehr. Bei unserem 1:0 im Testspiel gegen Lettland habe ich 70 Minuten gespielt. Ich bin startklar!

Bei Werder Bremen kamen Sie in der vergangenen Saison nur vereinzelt zum Einsatz. Fühlen Sie sich mental und von der Spielpraxis her fit für eine Europameisterschaft?
Auf jeden Fall. Im Endspurt der Saison durfte ich bei Werder noch in einigen Spielen ran. Das hat mir sehr gut getan. Außerdem bereiten wir uns mit der Nationalmannschaft lange genug vor. Ich spüre das Vertrauen von Trainer Franciszek Smuda und hoffe und glaube, dass ich bei der EM zur Stammelf gehören werde. Meine Vorfreude ist riesig.

Sie sind im schlesischen Gliwice geboren, leben aber seit frühester Kindheit in Deutschland. Ist es da nicht ein sonderbares Gefühl, für die polnische Nationalmannschaft zu spielen?
Ich spiele von ganzem Herzen für Polen. Wir haben zu Hause immer polnisch gesprochen, und als Kind habe ich die Ferien oft in meiner Heimat verbracht. Ich fühle mich als Pole. Da ist nichts Sonderbares dabei.

Sie haben allerdings auch schon für deutsche Junioren-Nationalmannschaften gespielt. Wie kam es zu der Entscheidung für den weißen und gegen den schwarzen Adler auf der Brust?
Die Verantwortlichen in der polnischen Nationalmannschaft haben sich enorm viel Mühe gegeben, mich für das Team zu gewinnen. Sie haben mir großes Vertrauen geschenkt. Deshalb ist mir die Entscheidung am Ende leichtgefallen. Mein Herz hat entschieden – für Polen.

In der deutschen Elf spielen außer Klose und Podolski auch Özil, Boateng und viele andere Spieler mit ausländischen Wurzeln. Ist es noch gerechtfertigt, von Nationalmannschaften zu sprechen?
Natürlich, die Jungs fühlen deutsch und spielen für ihr Land. Ich besitze die deutsche und die polnische Staatsangehörigkeit. Letztlich ist es eine emotionale Entscheidung und keine Frage der Abstammung.

Die polnische Torwartlegende Jan Tomaszewski hat gefordert, Polen dürfe sich „nicht durch Franzosen und Deutsche repräsentieren lassen“. Er meinte Sie, aber auch Ludovic Obraniak, der für Bordeaux spielt. Trifft Sie das?
Mich trifft das nicht. Ich finde es eher traurig, dass sich ein verdienter Mann wie Tomschewski, der 1974 Dritter bei der WM war, so kurz vor einem so großen Turnier nicht einfach hinter die Mannschaft stellt, statt zu reden. Mein Herz schlägt polnisch, ich bin hier geboren und musste wegen der Situation meiner Familie auswandern. Das war Ende der 80er Jahre, noch zu Zeiten des Kommunismus. Heute ist Polen glücklicherweise anders. Ich bin stolz, dieses Land zu repräsentieren.

Sie sprechen Polnisch, Obraniak und auch Damien Perquis vom FC Sochaux haben Schwierigkeiten damit. Wie verständigen Sie sich auf dem Platz?
Alle in der Mannschaft können Englisch sprechen, also verständigen wir uns meist auf Englisch. Aber was ändert das? Wir spielen für Polen.

Sie bereiten sich derzeit intensiv auf die EM vor. Bekommen Sie etwas von der Stimmung im Gastgeberland mit?
Natürlich. In Polen ist die EM ein riesiges Ereignis. Umso größer ist meine Freude, dass ich dabei sein und mitwirken darf.

Worauf freuen Sie sich besonders bei Ihrer Heim-EM?
Auf die Fans! Diese Unterstützung kann uns weit bringen. Wir können zu Hause Großes schaffen.

Halten Sie ein polnisches Sommermärchen für möglich?
Auf jeden Fall. Wir haben eine dankbare Gruppe mit Griechenland, Russland und Tschechien und werden von der ersten bis zur letzten Minute kämpfen. Wir haben ein starkes Team mit sehr guten Spielern. Denken Sie an die drei deutschen Meister von Borussia Dortmund…

Sie sprechen von Lukasz Piszczek, Jakub Blaszczykowski und Robert Lewandowski.
Ja, und im Tor steht mit Wojciech Szczesny von Arsenal London ein echter Klassemann. Die sind alle hungrig auf die EM.

Welche Ziele haben Sie persönlich?
Wichtig ist, dass ich fit und gesund bleibe. Aber wir alle wollen gute Spiele zeigen, möglichst oft gewinnen und am Ende Europameister werden. Ich persönlich auch.

 

Zur Person:
Sebastian Boenisch ist 1987 im schlesischen Gleiwitz (Gliwice) geboren. Deutsche Wurzeln in der Verwandtschaft ermöglichten der jungen Familie 1988 die Ausreise nach Nordrhein-Westfalen. Der Linksverteidiger spielt seit 2006 in der Bundesliga, erst für Schalke 04, seit 2007 für Werder Bremen. Mit der deutschen U 21 wurde Boenisch 2009 Europameister, entschied sich aber kurz darauf für einen Wechsel zur polnischen Nationalmannschaft und wurde mit der Berufung in den EM-Kader belohnt.

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