Mit Monstermaschinen für das Sommermärchen

Eine Woche vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft erklären sich die Gastgeber Polen und Ukraine für startklar – und schuften bis zum Schluss.

Der „Kampf um die Autobahn 2“ dauert an, aber er ist fast gewonnen. So berichten es polnische Medien, die täglich über den neuesten Stand an der „Front vor den Toren Warschaus“ informieren. Seit Wochen asphaltieren dort Hunderte Arbeiter ein Stück Autobahn, als ginge es um ihr Leben. „Das ist kein normaler Job“, sagt einer der Schichtleiter. Vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung wälzen sich monströse Maschinen über den Fahrdamm. Es ist ein quälend langsamer Wettlauf gegen die Zeit. „Wir arbeiten auch sonntags“, sagt der Vorarbeiter.

Bei dem Gewaltakt geht es um ein Versprechen. Und es geht um die Ehre. Die Ost-West-Autobahn A 2, die von der deutschen Grenze in die polnische Hauptstadt führt, soll um jeden Preis bis zur Fußball-Europameisterschaft befahrbar sein. So hat es die Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk schon vor Jahren angekündigt. Bis zum Eröffnungsspiel am 8. Juni aber bleiben nur noch wenige Tage. Schaffen es die Arbeiter? „Sie geben alles“, sagt Verkehrsminister Slawomir Nowak auf Anfrage und fügt hinzu: „Für alle Fälle haben wir eine Umleitung vorbereitet.“

Die A 2 ist längst zum Sinnbild der polnischen EM-Vorbereitungen geworden. „Alles hätte so schön sein können“, titelte kürzlich die regierungskritische Zeitung „Rzeczpospolita“ und bilanzierte: „Ein Achtel aller Investitionen, die zur Euro geplant waren, wurden nicht realisiert. Der Staat hat die Prüfung nicht bestanden.“ Fakt ist: Die Nord-Süd-Autobahn A 1, die in den Spielort Danzig führt, wird ebenso wenig fertig wie die A 4. Sie sollte von Krakau als Zubringer ins Co-Gastgeberland Ukraine dienen. Die 330 Kilometer lange Fahrt von Warschau in die EM-Stadt Breslau dauert noch immer rund sechs Stunden.

Das Asphaltdrama auf der A 2 ist auf eine Fehlentscheidung im Verkehrsministerium zurückzuführen. Nowaks Vorgänger beauftragte 2008 ein chinesisches Konsortium mit dem Bau zweier Schlüsselabschnitte zwischen Lodz und Warschau. Die Asiaten hatten das mit Abstand preiswerteste Angebot unterbreitet. Doch billig ist bekanntlich nicht immer gut. Im Sommer 2011 war klar, dass die Chinesen es nicht bis zur EM schaffen würden. Seither schuften auf der A 2 Polen, Tschechen und Ukrainer. Werden sie rechtzeitig fertig, erlebt Polen sein erstes Sommermärchen dieser Europameisterschaft.

Ministerpräsident Tusk wendet es schon jetzt ins Positive. „Seien wir stolz auf das Erreichte, seien wir stolz auf unser Land“, sagt  er. Tatsächlich wird Polen nach der Europameisterschaft über eine deutlich verbesserte Infrastruktur verfügen. Der Staat hat Investitionen in Höhe von 20 Milliarden Euro angestoßen. „Wir haben 1600 Kilometer Schnellstraßen gebaut und 2000 Kilometer Bahngleise modernisiert“, listet Verkehrsminister Nowak auf. Die Flughäfen in den EM-Städten Breslau, Danzig, Posen und Warschau seien runderneuert worden

Nicht zuletzt verfügt Polen künftig über vier imposante Stadien, die der boomenden Ekstraklasa neue Zuschauerrekorde bescheren dürften. Inzwischen hat die UEFA das Kommando in den Arenen übernommen. Alles ist spielbereit. Vergessen ist der Streit um fehlende Notausgänge in Danzig und falsch gebaute Treppen in Warschau. „Diese fantastischen Stadien gehören zu den schönsten Fußball-Arenen Europas. Das ist es, was zählt“, sagt der Präsident des polnischen Fußball-Verbandes, Grzegorz Lato, im Gespräch.

Im Co-Gastgeberland Ukraine wäre man froh über die polnischen Restprobleme. Dort braucht der Zug für die rund 1200 Kilometer vom westlichsten Spielort Lemberg nach Donezk im Osten 23 Stunden. Überregionale Bahnfahrten sind auf den maroden Schienen fast immer Tagesreisen. Das größte rein europäische Flächenland des Kontinents profitiert von der Europameisterschaft nur punktuell. Autobahnen gab es in der Ukraine nicht, und es wird sie auch zur EM nicht geben. Einige wenige Schnellstraßen wurden von den schlimmsten Schlaglöchern befreit.

EM-Touristen sind Flugreisen zu empfehlen. In den vier Spielorten Charkiw, Donezk, Kiew und Lemberg gibt es nicht nur prunkvolle Stadien, sondern auch neue Flughafen-Terminals. Ähnlich wie auf der polnischen A 2, so schuften auch am wichtigsten Airport Kiew-Borispol noch die Arbeiter. Der ukrainische Ministerpräsident Mykola Azarov sagt: „Trotz aller Hindernisse ist fast alles erledigt. Ich lade die Menschen in Europa ein, zu kommen.“ Sicherheitshalber fügt er noch einen Satz über das Ringen um die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko an. „Der politische Streit darf nicht Millionen von Fans ihr Sportfest verderben.“

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